- CFTC-Chef zieht in den Kampf
Michael Selig, frisch ernannter Vorsitzender der US-Derivatebehörde, erklärt Prediction Markets zur Bundessache und droht den Bundesstaaten offen mit rechtlichen Konsequenzen. - Nevada zieht als erster Bundesstaat vor Gericht
Der Nevada Gaming Control Board hat Kalshi direkt verklagt und verlangt einen Betriebsstopp. Ein Bundesrichter hat bereits eine einstweilige Verfügung gegen Kalshi erlassen. - Familiäres Interesse am Ausgang
Donald Trump Jr. ist Investor bei Polymarket und bezahlter Berater bei Kalshi. Das Social-Media-Unternehmen der Familie Trump plant zudem den Start einer eigenen Prediction-Market-Plattform namens „Truth Predict“. - Sport dominiert das Geschäft
Rund 90 Prozent des Handelsvolumens auf Kalshi entfallen auf sportbezogene Wetten. Beim Super Bowl 2026 wurden allein dort über eine Milliarde Dollar umgesetzt – 27-mal mehr als im Vorjahr. - Kehrtwende bei Selig
Noch bei seiner Bestätigungsanhörung kündigte Selig an, die Gerichte entscheiden zu lassen. Zwei Monate nach seiner Ernennung greift er nun selbst zur Klage als „Amicus Curiae“ im laufenden Neunten Bezirksgerichtsverfahren. - Bipartisaner Widerstand
Nicht nur Demokraten, auch republikanische Gouverneure wie Spencer Cox (Utah) und der ehemalige New-Jersey-Gouverneur Chris Christie widersprechen der CFTC-Logik scharf. - Supreme Court am Horizont
Rechtsexperten gehen mehrheitlich davon aus, dass die Frage der Regulierungszuständigkeit letztlich beim Obersten Gerichtshof landet – und prognostizieren keine guten Chancen für die Prediction-Market-Lobby.
Artikel anhören
00:00 / 00:00Selig greift an und lässt keine Zweifel offen
Michael Selig hat die Taktik gewechselt. Was er Senatoren bei seiner Anhörung noch als richterliche Angelegenheit deklarierte, verteidigt er nun mit behördlichem Nachdruck. In einem Wall-Street-Journal-Kommentar und einem viral gegangenen Video-Statement machte der CFTC-Vorsitzende klar: Die Behörde beansprucht die alleinige Aufsicht über Prediction Markets – und sie ist bereit, diesen Anspruch vor Gericht durchzufechten. Konkret hat die CFTC ein sogenanntes Amicus-Brief in das laufende Verfahren vor dem Neunten Bezirksgericht eingebracht. Hintergrund: Kalshi hatte gegen eine einstweilige Verfügung Nevadas Berufung eingelegt. Die CFTC positioniert sich nun auf Kalshis Seite – und argumentiert, Sportwetten-Kontrakte seien rechtlich als Swaps einzustufen, was sie in die Bundeskompetenz hebt.
Die CFTC wird nicht länger tatenlos zusehen, während übereifrige Landesregierungen die ausschließliche Zuständigkeit der Behörde über diese Märkte untergraben.
Das Vorgehen der Behörde ist für viele Juristen im Washingtoner Commodities-Rechtsmilieu schlicht unverständlich. Die Reduktion des Personalstands um mehr als ein Fünftel seit Trumps Amtsantritt macht die aggressive Selbstbehauptung noch rätselhafter – ein Enforcement-Arm ohne Enforcement-Kapazität.
Nevada schlägt zurück und gewinnt zunächst
Nevada reagierte zügig. Der Gaming Control Board und der State Attorney General zogen gemeinsam vor das Carson City District Court. Die Klage folgte unmittelbar auf ein Scheitern Kalshis, das Bundesberufungsgericht zu einer Einschränkung der staatlichen Maßnahmen zu bewegen. Die Regulatoren haben ein starkes Argument auf ihrer Seite: Kalshi’s Geschäftsvolumen explodierte. Der Vergleich spricht Bände – 27-faches Wachstum beim Super Bowl gegenüber dem Vorjahr, während lizenzierte Nevada-Kasinos im selben Zeitraum Marktanteile verloren. Für den Gaming Control Board ist das kein Graubereich mehr, sondern klares unlizenziertes Sportwetten-Geschäft.
Kalshi kontert juristisch auf mehreren Ebenen: Das Unternehmen versucht, das neue Staatsverfahren in die Bundesgerichtsbarkeit zu ziehen – mit dem Argument, die relevanten Rechtsfragen seien bereits bei Bundesgerichten anhängig. Solange CFTC-Regulierungsfragen ungeklärt sind, sollen Staatsgerichte schweigen. Eine Logik, die Nevada nicht teilt.
Interessenkonflikte im Weißen Haus
Kritiker rücken einen anderen Aspekt in den Vordergrund: Wem nützt das Handeln der CFTC eigentlich? Donald Trump Jr. ist über seinen Venture-Capital-Arm an Polymarket beteiligt und erhält von Kalshi Beraterhonorare. Die Trump-Familie plant mit „Truth Predict“ den Einstieg ins eigene Prediction-Market-Geschäft. Der von Selig eingesetzte 35-köpfige „Innovation Advisory Committee“ der CFTC gibt ebenfalls zu denken. Am Tisch sitzen die CEOs von Polymarket, Kalshi, Coinbase, Robinhood, FanDuel und DraftKings – aber kein einziger Verbraucherschutzverband, keine Bürgerrechtsorganisation. Die Kritik daran fällt parteiübergreifend aus.
Besonders pikant: Selig vermied in seinem öffentlichen Auftritt systematisch das Wort „Sport“. Wer die Rechtstexte kennt, weiß warum – das Amicus-Brief der CFTC erwähnt Sportkontexte vielfach und direkt. Der spielerische Umweg über „Derivatemärkte“ und „Finanzinstrumente“ diente erkennbar der Rhetorik, nicht der Substanz.

Wenn Republikaner und Demokraten gemeinsam nein sagen
Selten einig, diesmal geschlossen: Die Kritik am CFTC-Vorstoß kommt nicht nur von der politischen Linken. Utah-Gouverneur Spencer Cox, Republikaner, brachte die Absurdität des Arguments auf den Punkt: Er erinnere sich nicht daran, dass die CFTC jemals Zuständigkeit über den „Derivatemarkt von LeBron-James-Rebounds“ beansprucht habe. Chris Christie, ehemaliger republikanischer Gouverneur von New Jersey und bekennender Sportwetten-Skeptiker, sprach von einem Angriff auf staatliche Regulierungsrechte. Seiner Einschätzung nach ist Sportwetten kein Derivat – sondern schlicht Glücksspiel. Und Glücksspiel ist, gemäß der Verfassungstradition der USA, zunächst Ländersache.
Auf der anderen Seite des Spektrums warnt Emily Peterson-Cassin vom Demand Progress Education Fund vor einem systemischen Risiko: Die CFTC wiederhole die Fehler, die 2008 zur Finanzkrise führten, diesmal nur mit Wetten statt mit Immobilienpaketen. Eine weitere Stimme, die Regulierer nicht ignorieren sollten.

Keine Kommentare vorhanden