- 26 Angeklagte in massivem Wettbetrug
Bundesstaatsanwälte haben 26 Personen angeklagt, darunter 20 aktuelle und ehemalige College-Basketballspieler. Der Vorwurf: systematische Manipulation von Spielergebnissen für illegale Wetten. - 39 Spieler an 17 Universitäten involviert
Das Netzwerk umfasste mehr als 39 Spieler von 17 verschiedenen NCAA Division I Teams. Mindestens 29 Spiele wurden in den Saisons 2023-24 und 2024-25 manipuliert oder Manipulationsversuchen unterzogen. - Bestechungsgelder zwischen 10.000 und 30.000 Dollar
Spieler erhielten Zahlungen von 10.000 bis 30.000 Dollar pro Spiel, um absichtlich schlechter zu spielen. Die „Fixer“ platzierten anschließend Millionen-Wetten auf die manipulierten Begegnungen. - Ursprung im chinesischen Basketball
Das Schema begann im September 2022 mit manipulierten Spielen in der Chinese Basketball Association. Ex-NBA-Spieler Antonio Blakeney spielte dabei eine zentrale Rolle und rekrutierte weitere Spieler. - Vier Spieler noch aktiv im Einsatz
Simeon Cottle (Kennesaw State), Carlos Hart (Eastern Michigan), Camian Shell (Delaware State) und Oumar Koureissi (Texas Southern) spielten noch in dieser Woche. Die Vorwürfe beziehen sich allerdings auf frühere Zeiträume. - Millionen-Wetten auf kleine Spiele
Die Wettbetrüger setzten teils über 450.000 Dollar auf einzelne Mid-Major-Spiele. Eine Wette auf North Carolina A&T gegen Towson belief sich auf 458.000 Dollar. - Verbindungen zu NBA-Wettskandal
Zwei der Hauptangeklagten, Shane Hennen und Marves Fairley, sind auch im Oktober-Skandal um NBA-Insider-Trading angeklagt. Der Fall zeigt die Vernetzung illegaler Wettnetzwerke im US-Sport.
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00:00 / 00:00Das internationale Wettnetzwerk: Von China nach Amerika
Die Anfänge des größten College-Basketball-Wettskandals seit Jahrzehnten liegen nicht in den USA, sondern in Asien. Im September 2022 begannen die mutmaßlichen Drahtzieher Shane Hennen und Marves Fairley ihr kriminelles Unternehmen mit der Manipulation von Spielen in der Chinese Basketball Association. Ihr erstes Ziel: Antonio Blakeney, ein ehemaliger NBA-Spieler und Star der Jiangsu Dragons, der in seiner CBA-Saison über 32 Punkte pro Spiel erzielte. Wir berichteten bereits über vergangene Entwicklungen:
Die Bundesanklage zeichnet ein detailliertes Bild der Operation. In einem Spiel am 6. März 2023 waren die Dragons 11,5-Punkte-Außenseiter gegen die Guangdong Southern Tigers. Fairley und Hennen platzierten Wetten in Höhe von 198.300 Dollar über BetRivers Sportsbook auf den Favoriten. Blakeney, der normalerweise der Topscorer seines Teams war, brachte es in dieser Partie nur auf 11 Punkte. Die Tigers gewannen mit 31 Punkten Vorsprung – die Wette ging auf.
Der Erfolg des chinesischen Modells war so durchschlagend, dass Hennen einem Mitverschworenen per SMS schrieb: „Nichts ist garantiert in dieser Welt außer Tod, Steuern und chinesischer Basketball.“ Nach Ende der CBA-Saison im April 2023 deponierte Fairley laut Anklage fast 200.000 Dollar in bar in Blakeneys Lagereinheit in Florida – Bestechungsgelder und Gewinne aus den manipulierten Spielen. Mit diesem Startkapital und dem erprobten Schema wandten sich die Drahtzieher dem lukrativen Markt des College-Basketballs zu. David Metcalf, US-Staatsanwalt für den Eastern District of Pennsylvania benennt die Sachlage klar:
Wir klagen ein umfassendes internationales kriminelles Komplott von NCAA-Spielern, Alumni und professionellen Wettern an, die Spiele im ganzen Land manipulierten und den amerikanischen Geist des fairen Wettbewerbs für finanziellen Gewinn vergifteten.
Das Geschäftsmodell war simpel, aber effektiv: Die „Fixer“ rekrutierten Spieler kleinerer Programme, die nur begrenzte Möglichkeiten hatten, durch NIL-Deals (Name, Image, Likeness) Geld zu verdienen. Für viele dieser Athleten an Mid-Major-Schulen waren die angebotenen 10.000 bis 30.000 Dollar pro Spiel eine Summe, die sie auf legalem Weg nicht hätten verdienen können. Die Spieler sollten nicht unbedingt verlieren, sondern nur dafür sorgen, dass ihre Teams bestimmte Punktdifferenzen nicht erreichten – klassisches „Point Shaving“.
Die DePaul-Connection: Wenn vier Spieler ein Team sabotieren
Besonders perfide gestaltete sich die Manipulation bei den DePaul Blue Demons, einem der historisch bedeutendsten College-Basketball-Programme der USA. In der Saison 2023-24 durchlebte DePaul ohnehin eine katastrophale Spielzeit mit nur drei Siegen und einer 0-16-Bilanz in der Big East Conference. Doch laut Bundesanklage waren die Probleme nicht nur sportlicher Natur – vier Spieler des Teams arbeiteten aktiv für das Wettnetzwerk.
Am 24. Februar 2024 trat DePaul gegen Georgetown an. Die Wettbetrüger hatten 27.000 Dollar darauf gesetzt, dass Georgetown zur Halbzeit mit mindestens 3 Punkten führen würde. DePaul-Spieler Jalen Terry ging in der ersten Halbzeit ohne einen einzigen Punkt vom Platz, während Teamkollege Da’Sean Nelson nur vier Punkte erzielte. Georgetown führte zur Pause 41:28 – die Wette war gewonnen. Ein Basketballtrainer aus North Carolina, der zu den „Fixern“ gehörte, schickte während der Halbzeit eine SMS an einen der DePaul-Spieler: „Ich liebe Jalen Terry, er hat seinen Job perfekt gemacht… Da’Sean Nelson hat auch abgeliefert.“
Am nächsten Tag reiste der Trainer nach Chicago, um den vier beteiligten Spielern 40.000 Dollar in bar zu übergeben. Doch das war nur der Anfang. Das Netzwerk setzte DePaul noch zweimal ein: Bei einem Spiel gegen Butler am 2. März 2024 wetteten Hennen, Fairley und ihre Partner über 124.000 Dollar darauf, dass Butler die Halbzeit-Punktedifferenz schaffen würde. Und beim Spiel gegen St. John’s am 5. März setzten sie mehr als 52.000 Dollar gegen DePaul. Wieder blieb Terry in der ersten Halbzeit ohne Punkte, Nelson erzielte nur vier.
Bei diesem letzten Spiel kam es zu einem bemerkenswerten Zwischenfall, der die Skrupellosigkeit des Systems offenlegt. Ein unbeteiligter DePaul-Spieler spielte plötzlich besser als erwartet. Der Trainer schickte daraufhin während des Spiels eine SMS an einen der kompromittierten Spieler und beschwerte sich über diese Entwicklung. Die Antwort laut Anklageschrift: Er und die anderen beteiligten Spieler würden dafür sorgen, dass dieser Teamkollege den Ball nicht mehr bekäme. Sie sabotierten nicht nur ihre eigene Leistung, sondern auch die ihrer ahnungslosen Mitspieler.
Wenn Point Shaving scheitert
Nicht jede Spielmanipulation verlief nach Plan – und diese gescheiterten Versuche offenbaren die Grenzen krimineller Kontrolle über Sportereignisse. Das eindrücklichste Beispiel lieferte Fordham-Forward Elijah Gray, der in der Saison 2023-24 durchschnittlich 8,4 Punkte pro Spiel erzielte. Am 23. Februar 2024 sollte Gray dafür sorgen, dass Fordham gegen die favorisierten Duquesne Dukes nicht gewinnt oder zumindest die Punktedifferenz nicht schafft. Die Wettbetrüger setzten 195.000 Dollar darauf, dass Fordham die Punktedifferenz nicht decken würde.
Gray lieferte – auf seine Art. Er erzielte in diesem Spiel nur drei Punkte, weit unter seinem Durchschnitt. Doch Duquesne spielte an diesem Tag katastrophal schlecht. Fordham gewann trotz Grays Underperformance mit 79:67. Nach dem Spiel schickte Gray eine SMS an Trainer Jalen Smith: „Ich habe es versucht.“ Er fügte hinzu, dass Duquesne einfach nicht gut genug gespielt habe. Smiths Antwort war bemerkenswert: „Du hast deinen Job definitiv gemacht.“ Trotz des verlorenen Geldes würdigten die Kriminellen Grays Bemühungen.

Ein ähnliches Szenario spielte sich bei La Salle ab. Am 21. Februar 2024 wetteten die Drahtzieher 247.000 Dollar darauf, dass St. Bonaventure zur Halbzeit mit mindestens 5,5 Punkten führen würde. La Salle hatte mehrere Spieler rekrutiert, die das Ergebnis beeinflussen sollten. Doch zur Halbzeit führte La Salle mit 36:28 – das genaue Gegenteil des gewünschten Ergebnisses. Aus der Anklageschrift geht nicht hervor, ob die Spieler die Absprache brachen oder ob ihre Bemühungen einfach nicht ausreichten.
Besonders aufschlussreich ist der Fall eines Coppin State-Spielers, der am 4. März 2024 gegen South Carolina State antreten sollte. Die Wettbetrüger setzten darauf, dass Coppin State mit mehr als 9 Punkten verlieren würde. Am Ende verlor Coppin State nur mit 3 Punkten. Der betroffene Spieler schickte danach eine ausführliche Entschuldigungs-SMS: „Die waren so schlecht, ich konnte nicht mal ihre Führung zusammenhalten. Es tut mir leid, Bruder. Ich habe meinen Teamkollegen gesagt, sie sollen sich zurückhalten und so weiter.“ Die SMS dokumentiert nicht nur den gescheiterten Versuch, sondern auch, wie Spieler versuchten, ihre ahnungslosen Teamkollegen zu manipulieren. US-Staatsanwalt Metcalf kommentierte: „Im Basketball kann ein einzelner Spieler ein Spiel erheblich beeinflussen. Aber es ist keine Garantie.“
Konsequenzen und Systemfragen: Die Zukunft des College-Sports
Die Enthüllungen vom 15. Januar 2026 sind der vorläufige Höhepunkt einer Serie von Wettskandalen, die den amerikanischen Sport erschüttern. Bereits im Oktober wurden 34 Personen im Zusammenhang mit NBA-Insider-Trading und illegalen Pokerrunden angeklagt, darunter Miami-Heat-Guard Terry Rozier und Hall-of-Fame-Coach Chauncey Billups. Im November folgten Anklagen gegen die Cleveland-Guardians-Pitcher Emmanuel Clase und Luis Ortiz wegen Wetten auf einzelne Pitches während ihrer eigenen Spiele. Der College-Basketball-Fall ist nun der dritte große Skandal innerhalb von vier Monaten.
NCAA-Präsident Charlie Baker reagierte unmittelbar auf die Enthüllungen mit einer klaren Botschaft: Die Organisation wusste bereits von den meisten Fällen. „Das Muster der Integritätsverletzungen im College-Basketball, das heute von den Strafverfolgungsbehörden offengelegt wurde, ist für die NCAA keine völlig neue Information“, erklärte Baker in einem Statement. Die NCAA-Durchsetzungsabteilung habe in den vergangenen zwölf Monaten etwa 40 Spieler von 20 Schulen untersucht, die meisten davon deckten sich mit den FBI-Ermittlungen. Bereits im November hatte die NCAA sechs Spieler – darunter zwei der jetzt Angeklagten, Cedquavious Hunter und Dyquavion Short von New Orleans – wegen Wettbetrugs lebenslang gesperrt.
Der systemische Kontext ist nicht zu übersehen. Seit der Supreme Court 2018 das bundesweite Wettverbot aufhob, haben 40 Bundesstaaten und der District of Columbia irgendeine Form von legalisierten Sportwetten eingeführt. Der Umsatz belief sich in den ersten drei Quartalen 2025 auf über 11 Milliarden Dollar, 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Parallel dazu dürfen College-Athleten seit 2021 durch NIL-Deals Geld verdienen – ein längst überfälliger Schritt, der aber auch neue Verwundbarkeiten schafft. US-Staatsanwalt Metcalf formulierte es so: „Die Monetarisierung des College-Sports und des Sports allgemein durch die Liberalisierung und Verbreitung von Sportwettmärkten sowie die Normalisierung von Vergütung im Sport haben das Unternehmen in diesem Fall begünstigt.“

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