- Neun Länder, ein Schulterschluss
Die Glücksspielaufsichten aus Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen, Portugal, Spanien und der Schweiz haben am 17. Juni ein gemeinsames Statement veröffentlicht. Sie kündigen koordiniertes Vorgehen gegen Prognosemärkte an. - Timing zur Weltmeisterschaft
Das Statement fällt mit dem Start der FIFA-WM 2026 zusammen. Die Behörden rechnen rund um das Turnier mit einem Schub an Wettaktivität und sehen darin ein erhöhtes Risiko. - Prognosemärkte im Fokus
Auf diesen Plattformen wetten Nutzer auf den Ausgang politischer, sportlicher oder geopolitischer Ereignisse. Aus Nischenangeboten sind binnen weniger Jahre Schwergewichte geworden, mit wachsendem Zulauf gerade unter jungen Erwachsenen. - Kein Schutzwall, rund um die Uhr offen
Wo eine lokale Lizenz fehlt, fehlen meist auch Einsatzgrenzen, Zeitlimits und ernsthafte Altersprüfungen. Die Aufseher sehen darin einen gefährlichen Mix aus Sichtbarkeit, Verfügbarkeit und viraler Dynamik. - Vom Warnschuss zum Vollzug
Die Behörden wollen Informationen austauschen, Werbung und Wettintegrität überwachen und gegen nicht lizenzierte Anbieter durchgreifen, von der Verwarnung bis zur Sanktion. - Warnung an den Sport
Verbände, Ligen und Vereine sollen die Rechtslage einer Plattform prüfen, bevor sie Sponsoring- oder Partnerverträge unterschreiben. - Spanien hat vorgelegt
Die spanische DGOJ sperrte im Mai vorübergehend Kalshi und Polymarket. Ähnliche Geoblocking-Maßnahmen gab es in Frankreich und den Niederlanden.
Artikel anhören
00:00 / 00:00Schulterschluss gegen einen jungen Markt
Es ist selten, dass neun nationale Aufsichtsbehörden mit einer Stimme sprechen. Genau das taten Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande, Polen, Portugal, Spanien und die Schweiz am Mittwoch. Ihr gemeinsames Papier richtet sich gegen Prognosemärkte; eine Wettform, die in vielen Jurisdiktionen rechtlich noch im Graubereich schwebt. Der Anlass ist kein Zufall. Mit dem Beginn der Weltmeisterschaft erwarten die Behörden einen Ansturm auf Wettangebote aller Art. Während sich der lizenzierte Markt an klare Regeln halten muss, operieren viele Prognoseplattformen ohne ebensolche und genau dort liegt aus Sicht der Aufseher das Problem.
Die Kombination aus Sichtbarkeit, Verfügbarkeit und der für diese Plattformen typischen viralen Dynamik erzeugt einen erheblichen Suchtkreislauf.
In Europa fällt das Urteil über diese Plattformen deutlich härter aus als jenseits des Atlantiks. Während in den USA noch erbittert darüber gestritten wird, ob es sich um Glücksspiel oder um Finanzinstrumente handelt, gilt das Geschäft auf dem Kontinent weitgehend als unlizenziertes Wetten.
Warum die Behörden Alarm schlagen
Das Versprechen klingt harmlos: eine Wette auf das Ergebnis eines Spiels, einer Wahl, eines weltpolitischen Ereignisses. Die Aufseher sehen darin jedoch ein Angebot mit eingebauter Sogwirkung, besonders für junge Nutzer, die das Hauptpublikum stellen. Der Grund liegt in der Bauweise. Wo keine nationale Lizenz greift, laufen die Plattformen 24 Stunden am Tag, ohne fest verankerte Limits jenseits des eingesetzten Geldes, ohne Pausenzwang und mit kaum mehr als oberflächlichen Identitätsprüfungen. Schutzmechanismen, die im regulierten Markt Standard sind, fehlen schlicht.
Hinzu kommt ein ganzes Bündel weiterer Gefahren. Die Behörden nennen ausdrücklich Illegalität, eingefrorene Guthaben, Betrug durch Insiderwissen und starke Kursschwankungen. Weil die meisten Länder diese Angebote nicht regulieren, könnten sie ernste Suchtprobleme auslösen.
Vom Papier zur Praxis: Was jetzt folgt
Ein gemeinsames Statement ist das eine, der Vollzug das andere. Die neun Behörden lassen keinen Zweifel daran, dass es nicht beim Appell bleiben soll. Während des Turniers wollen sie enger zusammenarbeiten, Erkenntnisse teilen und Fachwissen bündeln. Im Zentrum steht eine doppelte Kontrolle. Einerseits sollen lizenzierte Anbieter bei Werbung, Wettintegrität und Spielerschutz sauber bleiben. Andererseits nehmen die Aufseher gezielt jene Plattformen ins Visier, die sich über lokale Vorschriften hinwegsetzen. Das Instrumentarium reicht dabei weit: von formellen Verwarnungen über Bußgelder und Werbeverbote bis hin zu Sperren und dem Einfrieren von Konten.
Besonders im Blick: Anbieter, die sich auf Offshore-Strukturen oder dezentrale Krypto-Lizenzen stützen. Parallel kündigen die Behörden an, ihre Präsenz in den sozialen Medien hochzufahren, um während der WM für sicheres Spiel zu werben.

Der Sport sitzt mit am Tisch
Eine Botschaft des Statements richtet sich nicht an die Branche, sondern an den Fußball selbst. Verbände, Ligen und Klubs werden ausdrücklich in die Pflicht genommen, bevor sie sich auf lukrative Partnerschaften einlassen.
Die Aufforderung ist konkret: Wer einen Prognosemarkt als Sponsor oder Partner ins Boot holt, soll vorab klären, ob die Plattform im eigenen Land überhaupt legal agiert. Der Hintergrund ist brisant. Mit ADI Predictstreet hat ausgerechnet ein in Gibraltar lizenzierter Anbieter den Zuschlag als offizieller Prognosemarkt-Partner der WM 2026 erhalten. Damit treffen zwei Welten aufeinander: ein offiziell sanktionierter Turnierpartner auf der einen Seite, neun Behörden mit Vorbehalten gegen das Geschäftsmodell auf der anderen. Die Reibung dürfte das Turnier begleiten.
Gibraltar, Malta und die Lücken im Flickenteppich
Europas Regulierungslandschaft gleicht einem Mosaik, und genau das macht die Durchsetzung kompliziert. Während neun Länder den Schulterschluss üben, gehen andere den entgegengesetzten Weg.
Gibraltar erteilte ADI Predictstreet die erste Prognosemarkt-Lizenz Europas. Der Anbieter ging Anfang Juni an den Start, kurz vor dem WM-Anpfiff. Der Schritt passt ins Bild: Nach der jüngsten Anhebung der britischen Wettsteuer sucht Gibraltar nach neuen Wachstumsquellen für seine Glücksspielwirtschaft. Auch Malta fehlt unter den Unterzeichnern. Wirtschaftsminister Silvio Schembri sprach im März von einem Feld mit „rasanter globaler Dynamik“ und großen Innovationschancen.
Spanien dagegen hat bereits gehandelt. Die DGOJ verhängte im Mai eine vorübergehende Sperre gegen Polymarket und Kalshi, weil beide Plattformen ohne die nötige Lizenz Dienste im Land anboten. Frankreich und die Niederlande zogen mit eigenen Geoblocking-Maßnahmen nach. Großbritanniens Gambling Commission unterzeichnete zwar nicht, signalisierte aber schon früher, dass Prognosemärkte „wahrscheinlich“ als Glücksspiel einzustufen seien. Und in Deutschland hatte die GGL bereits zuvor klargestellt, dass token-basierte Social-Betting-Angebote und Event-Kontrakte etwa bei Polymarket unter dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 nicht erlaubt und nicht lizenziert sind.

Keine Kommentare vorhanden