- Torregen statt stiller Deal
Österreich und Algerien lieferten im letzten Gruppenspiel ein 3:3 mit sechs Treffern. Beide Teams zogen in die Runde der letzten 32 ein. - Der Iran ist raus
Trotz eines 1:1 gegen Ägypten reichte es für die Iraner nicht. Ein Punkt war am Ende zu wenig für das Weiterkommen. - Kalajdžić rettet in der 96. Minute
Der von Wolverhampton ausgeliehene Stürmer köpfte tief in der Nachspielzeit den Ausgleich. Mit diesem Treffer war Österreichs Aufstieg perfekt. - Verdacht der Absprache im Umlauf
Vor allem iranische Fans fordern eine Untersuchung durch die FIFA. Kursierende Videoschnipsel sollen belegen, dass beide Mannschaften zeitweise vom Gas gingen. - Schatten von 1982
Die Konstellation weckt Erinnerungen an die „Schande von Gijón“. Damals sollen Deutschland und Österreich ein Ergebnis zu Lasten Algeriens vereinbart haben. - Rangnick und Petković weisen alles zurück
Beide Trainer dementierten jede Form der Manipulation. Der irre Schlussakt spreche gegen jeden abgekarteten Plan. - Spekulationen schon vor dem Anpfiff
Bereits im Vorfeld rätselten Medien, ob Österreich absichtlich verlieren könnte. Grund: Platz zwei führt direkt zu Europameister Spanien.
Artikel anhören
00:00 / 00:00Wenn ein Punktspiel zum Krimi wird
Was sich am Sonntag in Kansas City abspielte, hatte mit einem schläfrigen Schiebespiel nichts gemein. Marko Arnautović brachte Österreich in der 28. Minute in Führung, ehe Rafik Belghali kurz vor der Pause egalisierte. Nach dem Seitenwechsel zog Marcel Sabitzer in der 55. Minute erneut für sein Team davon. Nur fünf Zeigerumdrehungen später glich Kapitän Riyad Mahrez wieder aus. Ralf Rangnick äußerte sich bereits:
Bei einem 3:3 kann niemand behaupten, das sei abgesprochen gewesen – erst recht nicht nach diesen letzten 90 Sekunden.“
Dann der Moment, der die Statik des Spiels kippte: In der dritten Minute der Nachspielzeit traf Mahrez erneut. Dieser Treffer hätte Algerien als Gruppenzweiten weitergebracht, Österreich aus dem Turnier katapultiert und dem Iran die Tür zum Achtelfinale aufgestoßen. Die Mathematik stand für wenige Sekunden Kopf.
Doch das Drama kannte noch einen Schlussakt. In der 96. Minute stieg Saša Kalajdžić am höchsten und nickte zum 3:3 ein. Der Treffer beförderte beide Kontrahenten weiter: Österreich als Zweiter der Gruppe J, Algerien als einer der besten Gruppendritten. Für den Iran, der zeitgleich gegen Ägypten ein 1:1 holte, war damit Endstation.
Der Verdacht aus den sozialen Netzwerken
Kaum war das Spiel abgepfiffen, formierte sich im Netz eine Welle der Empörung. Wortführer waren vor allem iranische Anhänger, die sich um ihr Weiterkommen gebracht sahen. Ihr Vorwurf: Das Remis habe beiden Mannschaften gepasst, also könne es kein Zufall gewesen sein.
Als vermeintliche Belege kursierten Videoausschnitte, die zeigen sollen, wie beide Teams in der zweiten Hälfte phasenweise das Tempo drosselten. Andere Clips rückten Gespräche zwischen algerischen Spielern und dem Trainerstab ins Bild. Die Botschaft der Kritiker: Hier sei abgestimmt worden, wem das Unentschieden nütze. Schnell fiel das Stichwort, das im algerischen Fußball bis heute Wunden aufreißt – die „Schande von Gijón“. Die FIFA solle einschreiten, hieß es vielfach in den Kommentarspalten. Eine offizielle Untersuchung gab es bis zuletzt allerdings nicht.
Zwei Trainer, eine klare Ansage
Österreichs Coach Ralf Rangnick ging in die Offensive. Der 67-Jährige, der einst bei Manchester United interimsweise das Sagen hatte und als Vordenker des Gegenpressings gilt, hielt den dramatischen Verlauf selbst für den besten Gegenbeweis. Vier Jahrzehnte im Geschäft, und an ein Spiel mit derart absurder Wendung könne er sich nicht erinnern.
Rangnick spitzte es zu: Hätte jemand drei Minuten vor Schluss diesen Ausgang vorhergesagt, man hätte ihn für verrückt erklärt. Die meisten hätten ein 0:0 oder 1:1 erwartet, herausgekommen sei ein 3:3. In der Kabine herrsche heller Wahnsinn. Selbst Alfred Hitchcock hätte ein solches Drehbuch wohl niemand abgenommen, scherzte der Deutsche. Auch auf algerischer Seite wollte man von einem Komplott nichts wissen. Trainer Vladimir Petković zeigte sich erleichtert. Am Ende habe schlicht der Fußball triumphiert, der Spielstand spreche für sich. Ein abgekartetes Spiel, so der Tenor beider Bänke, sehe völlig anders aus.
1982: Als Algerien schon einmal betrogen wurde
Warum dieser Reflex, warum dieses kollektive Misstrauen? Die Antwort liegt 44 Jahre zurück. Bei der WM 1982 in Spanien trafen Deutschland und Österreich im letzten Gruppenspiel aufeinander, und beide wussten vorab genau, welches Resultat sie gemeinsam ins Achtelfinale bringen würde. Ein knapper deutscher Sieg genügte, um Algerien, das tags zuvor sein letztes Spiel bestritten hatte, draußen zu halten. Horst Hrubesch traf nach gut zehn Minuten, und danach passierte praktisch nichts mehr. Die Profis schoben den Ball quer und zurück, von Zweikämpfen oder Torgefahr keine Spur. Auf den Rängen entlud sich der Frust von rund 41.000 Zuschauern in Pfeifkonzerten. Der schottische Schiedsrichter Bob Valentine erkannte nach eigener Aussage nach etwa einer halben Stunde, dass dieses Spiel nirgendwohin mehr führte.

Die Empörung war gewaltig. Eine Zeitung in Gijón druckte ihren Spielbericht im Polizeiteil ab, eine französische Sportzeitung forderte gleich 22 Platzverweise. Algeriens Verbandschef sprach von einem skandalösen und unmoralischen Vorgang, der Protest beim Weltverband verpuffte jedoch folgenlos. Als bleibende Konsequenz führte die FIFA die zeitgleichen Anstoßzeiten im letzten Gruppendurchgang ein, damit sich ein solches Stillhalteabkommen nie wiederholt.
Vom Eklat am Spielfeldrand zum Achtelfinale
Pikant: Schon vor dem Anpfiff hatte halb Europa über ein mögliches Kalkül spekuliert. Österreich brauchte für Rang zwei nur ein Remis. Doch genau dieser zweite Platz führte direkt zu Europameister Spanien. Schweizer, österreichische und deutsche Medien spielten offen durch, ob eine Niederlage nicht der klügere Weg ins Turnier wäre, weil Platz drei voraussichtlich das machbarere Los Schweiz bedeutete. Von Stillstand aber keine Spur – im Gegenteil. Nach Mahrez‘ Treffer in der 93. Minute, dem eine minutenlange Ballstafette mit über hundert Pässen vorausgegangen war, kochten am Spielfeldrand die Emotionen über. Arnautović, mit 37 Jahren Routinier und Ex-Profi von Stoke und West Ham, suchte gestikulierend die Auseinandersetzung mit der algerischen Bank. Erst der vierte Offizielle und Rangnick beruhigten den aufgebrachten Stürmer.
Der Blick richtet sich nun nach vorn. Österreich bekommt es am Donnerstag in Los Angeles mit Spanien zu tun, Algerien trifft am Freitag in Vancouver auf die Schweiz. Die Vorwürfe dürften die beiden Teams begleiten. Widerlegt aber haben sie diese längst auf dem Platz, mit sechs Toren und einem Finale, das sich niemand hätte ausdenken können.

Keine Kommentare vorhanden