- Fixdatum Oktober 2027
Die Regierung hat sich erstmals auf einen konkreten Termin festgelegt: Im Oktober 2027 läuft die 15 Jahre alte Exklusivlizenz von Win2Day für Online-Glücksspiel aus. Damit endet ein Vierteljahrhundert staatlicher Alleinstellung. - Mehrfachlizenz statt Monopol
Statt eines einzigen Anbieters sollen künftig alle qualifizierten Unternehmen um eine österreichische Lizenz ansuchen können. ÖVP, SPÖ und NEOS sprechen von der größten Reform des Glücksspielrechts seit 26 Jahren. - Neue Behörde übernimmt die Kontrolle
Die Aufsicht wandert vom Finanzministerium zu einer eigens gegründeten Regulierungsbehörde. Ziel ist eine schlagkräftigere, unabhängigere Kontrolle des künftig offenen Marktes. - 10 Millionen Euro als Einstiegshürde
Bewerber müssen ein Grundkapital von mindestens 10 Millionen Euro sowie funktionierende Geldwäsche-Prävention nachweisen. Das dürfte vor allem kapitalstarke Konzerne begünstigen, kleinere Anbieter eher ausbremsen. - Wer zu lange wartet, zahlt drauf
Anbieter, die Österreich bislang ohne heimische Lizenz beliefert haben, müssen eine Abkühlphase durchlaufen. Wer die Frist bis Jänner 2027 verpasst, muss zusätzlich anderthalb bis zwei Jahre aussetzen. - Zentrales Sperrregister kommt
Ein anbieterübergreifendes Register bündelt künftig alle Spielersperren, ergänzt durch gestaffelte Einzahlungslimits nach Alter. Nur der Lotteriebereich bleibt davon ausgenommen. - Automaten im Fokus, Einsätze sinken
Spielautomaten gelten als besonders suchtgefährdend und werden deshalb strenger reguliert: langsameres Tempo, Pflichtpausen, niedrigere Einsatzlimits. Gleichzeitig bleiben Jackpots und ein hohes Gewinnlimit erhalten.
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00:00 / 00:00Ein Vierteljahrhundert Alleinherrschaft geht zu Ende
Jahrelang hatte sich in der Frage nichts bewegt, jetzt steht ein Datum fest: Ab Oktober 2027 verliert Win2Day, die Online-Marke der Österreichischen Lotterien, sein exklusives Zugriffsrecht auf den heimischen Online-Glücksspielmarkt. Die Koalition aus Volkspartei, Sozialdemokraten und NEOS präsentiert das Vorhaben als radikalsten Umbau des Glücksspielrechts seit 1,5 Jahrzehnten. Tatsächlich reicht der Vergleichszeitraum sogar 26 Jahre zurück. An die Stelle der bisherigen Alleinstellung von Casinos Austria und seiner Online-Sparte tritt ein Modell mit mehreren Lizenzen, das im Grundsatz jedem geeigneten Unternehmen offensteht.
Der Reformdruck kommt nicht von ungefähr: Der Markt hat die österreichischen Landesgrenzen längst hinter sich gelassen. Internationale Anbieter werben seit Jahren offensiv um heimische Kunden, ganz ohne inländische Lizenz und damit auch ohne die entsprechenden Kontrollmechanismen. Die Koalition versucht nun einen Spagat: Sie will den Markt für Wettbewerb öffnen und ihn gleichzeitig enger an die Kandare nehmen als bisher.
Wir schaffen mit der Reform mehr Wettbewerb, Rechtssicherheit und faire Marktbedingungen.“
So begründet die Regierungskoalition ihren Kurswechsel. Praktisch bedeutet das: Die Zuständigkeit für die Glücksspielaufsicht wandert vom Finanzministerium ab und landet bei einer komplett neu geschaffenen Regulierungsbehörde, die künftig über Zulassungen, Kontrollen und Sanktionen wacht.
Casinos Austria verliert sein Privileg – aber nicht alles
Brisant wird die Reform vor allem dadurch, dass sie ein staatsnahes Unternehmen direkt trifft. Casinos Austria befindet sich mehrheitlich in öffentlicher Hand: Die Beteiligungsholding ÖBAG hält die Anteile über die staatliche Österreichische Beteiligungs AG, während die tschechische Glücksspielgruppe Allwyn über ihre Marke Sazka ebenfalls mit an Bord ist. Bislang betreibt das Unternehmen sämtliche zwölf landbasierten Casino-Konzessionen des Landes, ein Geschäft, das durch die Reform zumindest teilweise aufgebrochen wird.
Ganz verschwindet das staatliche Privileg allerdings nicht. Die Lotterie-Sparte bleibt auch nach dem Umbau exklusiv bei Win2Day. Geöffnet wird ausschließlich das übrige Online-Glücksspiel, also etwa virtuelle Casinospiele und Sportwetten im Netz. Beim stationären Geschäft plant die Regierung ebenfalls nur eine Teilöffnung: 13 Casino-Lizenzen sollen künftig ausgeschrieben werden, wahlweise einzeln oder im Paket. Von einer vollständigen Liberalisierung der Spielbanken kann also keine Rede sein.
Für Casinos Austria bedeutet das ein zweigeteiltes Bild: Im stationären Geschäft bleibt das Unternehmen vorerst der etablierte Platzhirsch mit besten Startchancen bei der Ausschreibung, im Online-Bereich muss es sich künftig gegen neue, teils deutlich größere internationale Konkurrenz behaupten.
Wer mitspielen will, braucht ein dickes Portemonnaie
Der Ende Juni veröffentlichte Konsultationsentwurf macht klar: Die Tür steht offen, aber nicht für jeden gleich weit. Bewerber müssen ein eingerichtetes Aufsichtsgremium vorweisen, nachweislich wirksame Systeme gegen Geldwäsche betreiben und über ein Grundkapital von mindestens 10 Millionen Euro verfügen. Branchenkenner lesen aus dieser Kapitalschwelle eine klare Botschaft: Die Regierung visiert in erster Linie finanzstarke, international aufgestellte Konzerne an. Kleinere, lokale Newcomer dürften es deutlich schwerer haben, überhaupt ins Rennen zu kommen. Mit der Veröffentlichung Ende Juni läuft nun die öffentliche Begutachtungsphase, in der Verbände und Unternehmen offiziell Stellung beziehen können.
Noch strenger wird es bei den Übergangsregeln, die vor allem jene Anbieter treffen, die Österreich bereits jetzt ohne heimische Lizenz beliefern. Laut Berichten der Kronen Zeitung müssen sie zunächst eine Art Abkühlphase durchlaufen, bevor überhaupt eine Bewerbung möglich ist. Konkret gilt: Wer sein Österreich-Geschäft bis zum 1. Jänner 2027 einstellt, kann ab dem 30. September 2027 regulär eine Lizenz beantragen. Reißt ein Anbieter diese Frist, verlängert sich die Sperre um zusätzliche 18 Monate. Ab dem Jahr 2030 verschärft sich diese Karenzzeit sogar auf 24 Monate.
Selbst wer die zeitlichen Vorgaben erfüllt, ist damit noch nicht automatisch im Rennen. Offene Steuerschulden und bereits rechtskräftig entschiedene Ansprüche auf Spielerentschädigung müssen vorher beglichen werden. Erst wenn diese Altlasten abgearbeitet sind, kommt eine Lizenzvergabe überhaupt in Betracht, ein Mechanismus, der Anbietern mit belasteter Vergangenheit den Neustart in Österreich spürbar erschwert.

Sperrregister, Limits und Zwangspausen: Spielerschutz mit Zähnen
Neben der Marktöffnung setzt die Reform einen zweiten, mindestens ebenso gewichtigen Schwerpunkt: den Schutz der Spieler. Kernstück ist ein zentrales, unabhängiges Sperrregister, das sowohl von Anbietern verhängte als auch selbst beantragte Sperren bündelt – spielartenübergreifend, mit einer einzigen Ausnahme: Die Lotterien bleiben außen vor. Ergänzt wird das Register durch ein anbieterübergreifendes Limit-System, das Einzahlungen zentral überwacht. Für Kunden ab 26 Jahren liegt die Obergrenze bei 1.680 Euro pro Woche, unter 26-Jährige dürfen maximal 250 Euro wöchentlich einzahlen. Erst ab 23 Jahren können Spieler unter strengen Auflagen und nach Prüfung ihrer finanziellen Situation höhere Limits beantragen, begleitet von einer engmaschigen Beobachtung ihres weiteren Spielverhaltens.
Am schärfsten greift die Reform allerdings bei Spielautomaten durch, die aus Sicht der Regierung das höchste Suchtpotenzial aller Glücksspielformen bergen. Die Spielgeschwindigkeit wird halbiert: Jede Runde muss künftig mindestens zwei Sekunden dauern. Nach 90 Minuten ununterbrochenem Spielen greift eine automatische Zwangspause, während der den Nutzern gezielt Aufklärungsvideos über Suchtrisiken eingespielt werden. Diese Vorgaben gelten laut Entwurf ausdrücklich für beide Spielformen gleichermaßen, für klassische Automaten in Spielhallen ebenso wie für virtuelle Slots im Internet.
Auch bei Geld sind die neuen Grenzen deutlich enger gezogen als bisher, wenn auch moderater als ursprünglich befürchtet. Der maximale Einsatz pro Spielrunde sinkt von 10 auf 5 Euro. Ein früher durchgesickerter Entwurf hatte sogar eine Absenkung auf 2 Euro vorgesehen und damit für erheblichen Unmut in der Branche gesorgt. Dieser radikalere Schritt wurde nun abgeschwächt. Beim Gewinnlimit bleibt hingegen alles beim Alten: Die bisherige Obergrenze von 10.000 Euro pro Einzelspiel bleibt bestehen, eine zwischenzeitlich diskutierte Deckelung auf 2.000 Euro wurde wieder fallengelassen. Auch Jackpots, die in einer früheren Entwurfsfassung ebenfalls zur Disposition standen, dürfen weiterhin angeboten werden – ein bewusstes Zugeständnis, mit dem die Regierung den legalen Markt attraktiv genug halten will, um Spieler nicht in den Schwarzmarkt zu treiben.
Ambitionierter Fahrplan, offene Fragen
Mit der Veröffentlichung des Konsultationsentwurfs Ende Juni ist ein erster wichtiger Schritt getan, der Weg bis zur ersten tatsächlichen Lizenzvergabe ist damit aber noch lange nicht zu Ende. Bevor das Gesetz überhaupt in Kraft treten kann, muss Österreich das Notifizierungsverfahren der Europäischen Union durchlaufen. Erst im Anschluss lässt sich die neue Aufsichtsbehörde aufbauen, ein Bewerbungsprozess organisieren und über die eingehenden Anträge entscheiden. Mit dem österreichischen Gesetzgebungsprozess vertraute Beobachter halten den von der Regierung angepeilten Zeitrahmen von rund einem Jahr für ausgesprochen sportlich. Zumal rechtliche Einwände auf EU-Ebene den Prozess zusätzlich in die Länge ziehen könnten.
Aus dieser gedehnten Zeitachse ergibt sich ein praktisches Problem, vor dem Branchenvertreter besonders warnen: eine Übergangsphase von schätzungsweise mindestens neun Monaten, in der etablierte Anbieter den Markt bereits verlassen haben müssen, ohne dass zu diesem Zeitpunkt schon neue Lizenzen vergeben sind. Genau in diesem Zeitfenster, so die Sorge aus der Branche, könnten Spieler in größerer Zahl zu Offshore-Plattformen abwandern. Zu Marken, die vielen Kunden ohnehin längst ein Begriff sind, nur eben ohne österreichische Regulierung im Rücken.
Am Ende bleibt eine Grundsatzfrage offen, die sich selbst die Regierungsparteien stellen müssen: Gelingt es, ein wettbewerbsfähiges, streng reguliertes Angebot zu schaffen, das echte Schutzstandards mit einer attraktiven Alternative zum Schwarzmarkt verbindet – oder schrecken genau diese strengen Standards die Spieler am Ende eher ab, als sie ins legale System zu locken? Eine erste Antwort dürfte sich frühestens abzeichnen, wenn im Herbst 2027 tatsächlich die ersten neuen Lizenzen vergeben werden.

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