- Monopol-Ära läuft ab
Das österreichische Finanzministerium plant den Abschied vom jahrzehntelangen Glücksspielmonopol. Laut einem durchgesickerten Entwurf sollen künftig mehrere Anbieter Online-Casino-Lizenzen erhalten. Bisher war dafür nur Win2day, eine Tochter von Casinos Austria, zugelassen. - Lotterien bleiben staatlich
Die Liberalisierung greift nur im Online-Casino-Bereich. Das Lotterie-Monopoly bleibt unangetastet, ein klarer Kompromiss, der die politische Sprengkraft der Reform begrenzen soll. - Lizenzlaufzeit: Zunächst fünf Jahre
Neue Konzessionen wären initial auf fünf Jahre begrenzt, mit der Option auf eine zehnjährige Verlängerung. Damit hält der Gesetzgeber die Zügel straff. - Zehn Millionen Eigenkapital als Eintrittsticket
Wer mitspielen will, braucht tiefe Taschen: Mindestens 10 Millionen Euro Eigenkapital müssen Bewerber nachweisen, zuzüglich der Begleichung offener Steuerforderungen, rückwirkend. - Spielerschutz auf neuem Niveau
Einzahlungslimits, Einsatzobergrenzen, Pflichtpausen, Jackpot-Verbot: Der Entwurf enthält eines der restriktivsten Spielerschutzpakete, das ein europäisches Land bisher für den Online-Markt vorgesehen hat. - Unabhängige Regulierungsbehörde frühestens 2030
Bis eine eigenständige Glücksspielaufsicht steht, übernimmt das Finanzministerium die Lizenzierung. Das könnte Jahre dauern und bietet Angreifern Angriffsfläche für juristische Verzögerungen. - Parlamentsabstimmung vor Sommerpause
Der Zeitplan ist ambitioniert: Noch vor der parlamentarischen Sommerpause Anfang Juli soll ein Votum stattfinden. Koalitionsverhandlungen zwischen SPÖ, NEOS und ÖVP laufen auf Hochtouren.
Artikel anhören
00:00 / 00:00Marktöffnung mit Bedingungen: Was der Entwurf wirklich vorsieht
„Die Abschaffung des Monopols und das unbegrenzte Lizenzsystem sind eine extrem positive Entscheidung“, sagt Arthur Stadler, Wiener Anwalt mit Spezialisierung auf Glücksspielrecht, gegenüber iGB – fügt aber hinzu: Die finanziellen Anforderungen könnten kleinere Anbieter faktisch ausschließen.
Damit bringt Stadler das Dilemma des Entwurfs auf den Punkt. Einerseits fällt das Monopol. Ein Schritt, für den internationale Betreiber jahrelang geworben haben. Andererseits zieht der Gesetzgeber eine hohe Einstiegshürde ein: Neben den zehn Millionen Euro Mindestkapital müssen Bewerber sämtliche offenen österreichischen Gerichtsurteile erfüllen und rückwirkend Steuern entrichten. Wer in der Vergangenheit ohne Lizenz in Österreich aktiv war, zahlt also doppelt, im Wortsinn. Ob diese Konstruktion einer gerichtlichen Prüfung standhält, ist eine offene Frage. Für etablierte Großkonzerne aus der EU mag sie verkraftbar sein. Für mittelgroße Anbieter könnte sie das faktische Ende der Bewerbung bedeuten, bevor sie überhaupt begonnen hat.
Über geplante Anpassungen im Glücksspielgesetz wird bereits seit Ende 2025 diskutiert. Wettbonus360.at berichtete über die Glücksspielreform in Österreich.
Spielerschutz: Strenger als die meisten EU-Nachbarn
Wer gedacht hat, die Marktöffnung bringe auch lockere Regeln, irrt grundlegend. Der Entwurf aus dem Finanzministerium stellt den Spielerschutz ins Zentrum, und setzt dabei Maßstäbe, die im europäischen Vergleich kaum Parallelen haben.
Unter-26-Jährige dürfen wöchentlich maximal 250 Euro einzahlen, ältere Spieler kommen auf ein Limit von 1.680 Euro, außer sie weisen ausreichend Liquidität nach. Der maximale Einsatz je Spin oder Spielrunde wird auf zwei Euro gedeckelt, was gegenüber den aktuell gültigen fünf bis zehn Euro einem radikalen Rückschnitt entspricht. Hinzu kommt: Jackpots sind künftig generell verboten, Gewinnobergrenzen sinken von bis zu 10.000 auf 2.000 Euro.
Neu ist auch die Pflichtpause: Nach 90 Minuten Dauerspiel verlangt das Gesetz eine mindestens 15-minütige Unterbrechung. Damit zieht der Online-Bereich mit dem stationären Glücksspiel gleich, ein erklärtes Ziel des Entwurfs. Ein nationales Selbstausschlussprogramm unter Aufsicht der künftigen Regulierungsbehörde rundet das Paket ab.
Politische Arithmetik: Wie der Entwurf entstand
Der Weg zum aktuellen Entwurf war alles andere als geradlinig. Im Januar legte die SPÖ, die das Finanzministerium kontrolliert, zunächst einen Entwurf vor, der das Monopol sogar ausweiten sollte. Koalitionspartner NEOS und ÖVP lehnten das prompt ab, woraufhin der erste Entwurf sang- und klanglos zurückgezogen wurde.
Was jetzt auf dem Tisch liegt, ist das Ergebnis monatelanger Koalitionsgespräche. Dass der Entwurf überhaupt nach außen gelangte. iGB berichtet auf Basis eines geleakten Dokuments – deutet darauf hin, dass hinter den Kulissen noch Druck ausgeübt wird. Zwischen den drei Regierungsparteien sind laut Brancheninsidern weiterhin einige Knackpunkte offen.
Simon Priglinger-Simader, Präsident des Branchenverbands ÖVWG, ließ sich in diesem Kontext zitieren, er sei „hoffnungsvoller als je zuvor“ – hob aber gleichzeitig hervor, dass noch einige „heikle Punkte“ in den kommenden Tagen ausgeräumt werden müssten.

Win2day und der Fahrplan bis zur ersten neuen Lizenz
Österreichs Glücksspiellandschaft ist derzeit auf ein Unternehmen zugeschnitten: Win2day, die Online-Marke von Casinos Austria, hält die einzige verfügbare Lizenz für Lotterien und Online-Gaming. Dieselbe Gruppe betreibt alle zwölf stationären Casinos im Land. Diese Konzession läuft 2027 aus – gleichzeitig mit einer Reihe weiterer Landlizenzen. Der neue Entwurf sieht vor, diese Laufzeiten notfalls zu verlängern, sollte sich das Konzessionsverfahren durch rechtliche Anfechtungen verzögern. Das ist keine bloße Vorsichtsmaßnahme: Erfahrungsgemäß klagen bestehende Monopolinhaber gegen Liberalisierungsgesetze. Österreich könnte ähnliche Verzögerungen erleben wie andere Märkte zuvor.
Hinzu kommt die Frage der Aufsichtsbehörde. Eine unabhängige Glücksspielregulierung könnte frühestens 2030 ihre Arbeit aufnehmen – bis dahin vergibt das Finanzministerium die Lizenzen selbst. Das schafft ein regulatorisches Vakuum, das sowohl Bewerber als auch Spieler mit Unsicherheit belastet.

Keine Kommentare vorhanden