- Entain schreibt direkt an sechs Klubs
Der Ladbrokes- und Coral-Konzern hat seinen General Counsel Simon Zinger ins Feld geschickt. Am 15. Mai 2026 gingen persönliche Briefe an Führungskräfte von Burnley, Bournemouth, Fulham, Everton, Sunderland und Wolverhampton Wanderers. - Alle sechs Sponsoren operieren ohne britische Lizenz
Burnley (96.com), Bournemouth (BJ88), Fulham (SBOTOP), Everton (Stake), Sunderland (W88) und Wolves (DEBET) tragen Trikotsponsoren, die bei der UK Gambling Commission nicht lizenziert sind. Fünf der sechs Marken verloren ihre Lizenz mit dem Zusammenbruch des Dienstleisters TGP Europe. - Das freiwillige Trikot-Verbot greift zu kurz
Ab der Saison 2026/27 darf kein Glücksspielanbieter mehr auf Premier-League-Trikots vorne erscheinen. Ärmel, LED-Bandenwerbung und Social-Media-Kooperationen bleiben jedoch weiterhin erlaubt. Eine Lücke, die Entain für gefährlich hält. - Britischer Schwarzmarkt explodiert
Laut Berechnungen von Frontier Economics setzen 1,5 Millionen Briten jährlich 4,3 Milliarden Pfund bei nicht lizenzierten Anbietern. Der Marktanteil stieg in vier Jahren von zwei auf neun Prozent. Tendenz scharf steigend. - Minderjährige als Zielgruppe
420.000 britische Schülerinnen und Schüler sollen bei nicht lizenzierten Betreibern spielen. 67 Prozent der GamStop-Nutzer – Menschen, die sich selbst aus dem Glücksspiel ausgeschlossen haben – wurden von illegalen Anbietern aktiv beworben. - Entain fordert auch den Fußball-Regulator
Parallel zu den Klub-Briefen hat Entain eine Stellungnahme zur zweiten Lizenz-Konsultation des Independent Football Regulator (IFR) eingereicht. Das Ziel: Der IFR soll Sponsoreinnahmen von nicht-lizenzierten Anbietern als Erlöse aus schwerer Kriminalität einstufen. - Regierung und Gambling Commission ziehen nach
Das britische Kulturministerium (DCMS) konsultiert bereits über ein vollständiges Verbot illegaler Sponsoren im Sport. Die Gambling Commission hat diese Woche eine neue Stelle „Head of Illegal Markets“ ausgeschrieben – flankiert von 26 Millionen Pfund frischem Durchsetzungsbudget.
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00:00 / 00:00Entains Eskalationsstrategie: Wenn der Appell an die Liga versagt
Die Aktion hat eine Vorgeschichte. Entain-Chefin Stella David hatte sich bereits im Februar direkt an Premier-League-Geschäftsführer Richard Masters gewandt und ein freiwilliges Sofortmoratorium auf Sponsorendeals mit nicht lizenzierten Anbietern gefordert. Masters antwortete diplomatisch: Die Liga nehme Integritätsfragen ernst, Klubs seien im Rahmen des Gambling Act aber zur Zusammenarbeit mit Übersee-Anbietern berechtigt, solange diese britische Kunden nicht aktiv anwerben.
Für Entain war das keine ausreichende Antwort. Sieben Wochen später eskalierte General Counsel Simon Zinger auf die Klubebene und machte damit einen ungewöhnlichen Schachzug in der Unternehmenskommunikation. Statt weiter auf das Kollektiv zu setzen, adressierte er die Entscheidungsträger persönlich: Bournemouth-Chairman Bill Foley und Everton-CEO Angus Kinnear werden namentlich in den Schreiben erwähnt.
Parallel dazu reichte Entain eine formale Stellungnahme zur zweiten Lizenzierungskonsultation des Independent Football Regulator ein. Das Ziel ist klar: Nicht auf politische Prozesse warten, sondern bestehende Regelwerke so auslegen, dass sie sofort greifen. Der IFR soll in seinem Entwurf von Annex B, Teil IV, Einnahmen aus nicht lizenziertem Glücksspiel als Erlöse aus „schwerer Kriminalität“ klassifizieren – eine Formulierung, die im Entwurf bereits steht, aber noch nicht präzisiert wurde.
Stella David, CEO von Entain äußerte sich in einer Stellungnahme wie folgt:
Premier-League-Klubs werden von kriminellen Glücksspielfirmen gesponsert. Der Independent Football Regulator kann das bereits morgen stoppen, indem er schlicht anerkennt, dass nicht lizenzierte Glücksspielunternehmen, die britische Fans über den englischen Fußball ansprechen, gegen das Gesetz verstoßen.
Stake, BJ88 und die Trümmer von TGP Europe
Fünf der sechs genannten Trikotsponsoren teilten einst eine Lizenz-Infrastruktur: TGP Europe, ein Isle-of-Man-basierter White-Label-Anbieter, der bis Mai 2025 als lizenzierter Vermittler für BJ88, SBOTOP, 96.com, DEBET und weitere fungierte. Als die Gambling Commission TGP Europe wegen Verstößen gegen Geldwäschevorschriften und mangelnder Geschäftspartner-Prüfungen mit einer Strafe von 3,3 Millionen Pfund belegte und der Anbieter daraufhin seine Lizenz zurückgab, verloren alle angeschlossenen Marken automatisch ihren UK-Status. Die Trikotdeals der Klubs liefen aber unverändert weiter.
Stake steht gesondert da. Der Kryptowährungs-fokussierte Anbieter besaß eine eigene Lizenz, gab diese jedoch im Februar 2024 zurück, nachdem die Gambling Commission eine Untersuchung zu einer Social-Media-Kampagne mit der Pornodarstellerin Bonnie Blue einleitete. Trotzdem prangt das Stake-Logo bis heute auf den Everton-Trikots – möglich durch eine regulatorische Lücke: Solange der Sponsor keine britischen Kunden aktiv akquiriert, ist der Deal legal.
Zinger lässt kein gutes Haar an den betroffenen Marken. Stake bezeichnet er als „Blitzableiter für Bedenken rund um Geldwäsche und fehlenden Spielerschutz“, dessen Aufstieg durch eine unregulierte Streamer-Kultur angetrieben worden sei, die gezielt jüngere Zielgruppen anspreche – genau jene Gruppen, die Evertons Community-Programme zu schützen versuchten. BJ88 wirft er „aggressive Marketingtaktiken in Regionen, in denen Glücksspiel verboten ist“, sowie den Einsatz nicht regulierter Zahlungsmethoden vor.

Warum ausgerechnet jetzt?
Das Timing von Entains Offensiv-Kommunikation ist kein Zufall. Zum einen steigt die Steuerbelastung: Die britische Regierung hat die Online-Gaming-Abgabe vergangenen Monat von 21 auf 40 Prozent angehoben – ein Schritt, der im regulierten Markt schmerzt und gleichzeitig die Attraktivität nicht-lizenzierter Anbieter weiter erhöht. Zum anderen wächst der Schwarzmarkt in einem Tempo, das die Branche alarmiert.
WARC-Analysen projizieren, dass nicht lizenzierte Anbieter bis 2028 mehr für Sportwerbung ausgeben werden als der gesamte regulierte Glücksspielsektor zusammen. Im laufenden Jahr entfallen bereits schätzungsweise neun Prozent des britischen Online-Wettmarktes auf illegale Plattformen. Vor vier Jahren waren es noch zwei Prozent. Der Zusammenhang mit Sportpiraterie verschärft das Problem: 89 Prozent aller illegalen Streams in Großbritannien, deren Volumen sich in drei Jahren auf 3,6 Milliarden verdoppelt hat, enthalten Werbung von nicht lizenzierten Buchmachern.
Entain sieht sich dabei nicht nur als Branchenpolizist, sondern verteidigt auch eigene Interessen. Als FTSE-100-Konzern zahlt das Unternehmen britische Steuern, finanziert Spielerschutzmaßnahmen und unterliegt aufwändiger Compliance, während Schwarzmarkt-Konkurrenten all das umgehen. Die Briefe an die Klubs sind damit auch ein Lehrstück in wettbewerbspolitischer Kommunikation: Entain zieht eine scharfe Linie zwischen sich und dem, was es als „kriminelle Infrastruktur“ bezeichnet.
Was die Klubs tun – und was sie (noch) nicht tun
Die sechs angeschriebenen Klubs reagierten auffällig zurückhaltend. Fulham, das seit 2023 einen rekordverdächtigen Trikotvertrag mit SBOTOP unterhält und bereits im Mai 2025 eine Verwarnung der Gambling Commission erhalten hatte, lehnte jeden Kommentar ab. Everton und Bournemouth äußerten sich ebenfalls nicht öffentlich.
Doch der Markt bewegt sich. Bournemouth hat für 2026/27 den Versicherungskonzern Vitality als neuen Haupttrikotpartner verpflichtet. Everton wiederum gibt CMC Markets als neuen Frontsponsor bekannt – beide Entscheidungen dürften mindestens teilweise als Reaktion auf den wachsenden Druck zu interpretieren sein. Ob BJ88 und Stake auf Ärmel, Bandenwerbung oder Social-Media-Flächen ausweichen, bleibt offen. Burnley und Wolverhampton Wanderers spielen ab Herbst in der Championship – dort gilt das freiwillige Front-of-Shirt-Verbot der Premier League nicht. Ihre Deals mit 96.com und DEBET könnten also fortbestehen, ohne dass neue Regeln greifen.

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