- Später Kollaps statt Sensation
Ägypten stand elf Minuten vor Schluss mit 2:0 vorne und vor dem größten Coup seiner WM-Geschichte. Drei Gegentore ab der 79. Minute drehten die Partie zum 3:2 für Argentinien. - Ägypten erhebt schwere Vorwürfe
Stürmer Mostafa Zico und Trainer Hossam Hassan warfen der FIFA nach dem Abpfiff vor, den Titelverteidiger und Messi bewusst im Turnier halten zu wollen. Von einem „getürkten“ Spiel war die Rede. - Der aberkannte Treffer als Streitpunkt Nummer eins
Ein vermeintliches 2:0 durch Zico wurde nach Videobeweis zurückgenommen, wegen eines Fouls von Marwan Attia an Lisandro Martínez im Aufbau. Genau diese Szene steht im Zentrum der Empörung. - Experten sind sich uneinig
Der frühere Elite-Referee Andy Davies hält die Aberkennung für korrekt. Sein Kollege Mark Clattenburg, einst FIFA-Schiedsrichter, sieht dagegen weder ein Foul noch einen Grund für das Eingreifen des VAR. - Zwei verweigerte Elfmeter
Ägypten reklamierte in der Schlussphase zweimal Strafstoß, ein Trikotzupfen an Hamdy Fathy und ein Zweikampf mit Mohamed Salah. Beide Nicht-Entscheidungen bewertet Davies als richtig. - Der Schiedsrichter war Franzose, nicht Argentinier
Die Partie leitete der Franzose François Letexier, unterstützt von einem französischen Video-Assistenten. Das schwächt die These einer pro-argentinischen Verschwörung erheblich. - Argentinisches Gespann für Frankreich sorgt für Wirbel
Für das Viertelfinale Frankreich gegen Marokko setzte die FIFA ein rein argentinisches Team an. Die Ansetzung fiel jedoch bereits am Montag, vor dem Ägypten-Spiel.
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00:00 / 00:00Wie aus einem 2:0 ein 2:3 wurde
Ägypten erwischte den Traumstart. Yasser Ibrahim köpfte in der 15. Minute eine Flanke von Marwan Attia zur Führung ein, wenig später parierte Torhüter Mostafa Shobeir einen Foulelfmeter von Messi. Der Argentinier verschoss damit bereits seinen zweiten Strafstoß dieses Turniers und schrieb auf unrühmliche Weise Geschichte. Shobeir hielt anschließend gegen Alexis MacAllister und Julián Álvarez weitere Großchancen und trug sein Team fast im Alleingang.
Nach der Pause schien die Sensation greifbar. Zico traf zum vermeintlichen 2:0, doch der Video-Assistent nahm den Treffer zurück. Fünf Minuten später machte der Angreifer es besser und schob nach Vorarbeit von Haissem Hassan zum verdienten 2:0 ein. Elf Minuten vor dem Ende stand Ägypten an der Schwelle zum Viertelfinale.
Dann drehte Argentinien binnen 13 Minuten das Spiel. Cristian Romero köpfte nach Messi-Flanke zum Anschluss (79.), Messi selbst hämmerte den Ball zum 2:2 unter die Latte (83.). In der zweiten Minute der Nachspielzeit vollendete Enzo Fernández eine Hereingabe von Lautaro Martínez per Kopf zum 3:2. Der Weltmeister war weiter, Ägyptens Turnier vorbei.
Ägypten spricht von einem „getürkten“ Spiel
Kaum war abgepfiffen, entlud sich die Wut. Zico beschuldigte den Referee unter Tränen, die Anstrengung einer ganzen Nation zunichtegemacht zu haben, und bezeichnete das Turnier als voreingenommen. Trainer Hossam Hassan legte nach und deutete an, die FIFA habe den Titelverteidiger schützen wollen. Der Verband habe Argentinien auf allen Ebenen Rückendeckung gegeben, so der Vorwurf.
Der Schiedsrichter war nicht fair. Die Ungerechtigkeit war offensichtlich.
Prominente Stimmen verstärkten die Empörung in den sozialen Netzwerken. Der frühere Schach-Weltmeister Garry Kasparov sprach von zweierlei Maß, Ex-Nationalstürmer Alan Shearer forderte schlicht Konsequenz bei der Bewertung ähnlicher Szenen. Auch der ägyptische Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei meldete sich zu Wort und attestierte der FIFA einen Vertrauensverlust.
Wichtig ist die Einordnung: Ein Vorwurf ist keine bewiesene Tatsache. Die Empörung speist sich aus mehreren strittigen Szenen und aus dem emotionalen Kontext eines späten Zusammenbruchs. Belege für eine tatsächliche Absprache oder Manipulation legte bislang niemand vor. Umso genauer lohnt der Blick auf die konkreten Entscheidungen.
Echte Manipulationen im Fußball sind kein Hirngespinst. Die Geschichte kennt zahlreiche belegte Fälle, ein Überblick über die größten Wettskandale zeigt, wo die Grenze zwischen Frust und tatsächlichem Betrug verläuft.
Der aberkannte Treffer: Was die Regel sagt und wo die Fachleute streiten
Auslöser des zurückgenommenen Tors war ein Vergehen von Marwan Attia gegen Lisandro Martínez zu Beginn des Konters. Der Ägypter hielt das Trikot des Argentiniers und trat ihm zugleich auf den Fuß. Nach dem Regelwerk des International Football Association Board darf der VAR ein Angriffsvergehen im Aufbau zu einem Tor prüfen, auch wenn die Aktion, wie hier, weit vom Tor entfernt und mehrere Sekunden zuvor stattfand. Formal bewegte sich das Eingreifen also im Rahmen der Vorschriften.
Ob die Aberkennung sportlich gerechtfertigt war, beurteilen erfahrene Referees unterschiedlich. Andy Davies, langjähriger englischer Elite-Schiedsrichter und heute Analyst, nennt das Eingreifen eindeutig richtig: Das doppelte Vergehen habe den Konter überhaupt erst ermöglicht und Argentinien in einer Angriffssituation benachteiligt. Sobald dem Referee die Bilder von Trikotgriff und Tritt vorlagen, sei eine Rücknahme unausweichlich gewesen.
Deutlich anders sieht es Mark Clattenburg, früherer FIFA-Referee und ebenfalls TV-Experte. Für ihn lag weder ein klares Foul vor, noch hätte der VAR überhaupt einschreiten dürfen. Die Aktion passe nicht zur betont zurückhaltenden Linie, mit der bei diesem Turnier sonst körperliche Zweikämpfe laufen gelassen worden seien. Auch die große räumliche und zeitliche Distanz zwischen Vergehen und Torabschluss – rund zehn Sekunden über fast das gesamte Feld – spreche gegen einen Eingriff. Diese Gegensätze zeigen: Die Szene ist ein klassischer Auslegungsfall, kein eindeutiger Beleg für Willkür.

Die verweigerten Elfmeter und das Muster des Turniers
Ägyptens zweite große Beschwerde betrifft zwei nicht gegebene Strafstöße in der Schlussphase, beide im argentinischen Strafraum. In der ersten Szene griff Mac Allister Hamdy Fathy ins Trikot, in der zweiten ging Salah nach einem Zweikampf mit Álvarez zu Boden. Beide Male blieb der Pfiff aus, und der VAR bestätigte die Entscheidungen des Referees.
Analyst Davies hält beide Nicht-Entscheidungen für korrekt. Der Griff von Mac Allister sei minimal und ohne echten Einfluss auf Fathys Ballkontrolle gewesen. Bei Salah wiederum sei es zu einem Kontakt Fuß gegen Fuß gekommen, bei dem der Schwung beider Spieler den Zusammenprall verursacht habe – Salah habe eher einen Elfmeter provozieren wollen, als tatsächlich gefoult worden zu sein. Der oft bemühte Vergleich mit dem aberkannten Tor greife nicht, weil dort ein Tritt eines Verteidigers auf einen Angreifer vorgelegen habe, hier hingegen ein beidseitiger Zweikampf.
Ein Blick über diese Partie hinaus relativiert den Eindruck einer einseitigen Benachteiligung. Bei dieser WM legten die Referees durchgängig eine hohe Schwelle für VAR-Eingriffe an, zulasten vieler Teams. England wurde gegen die DR Kongo und gegen Ghana klare Elfmeter verweigert, Deutschland ein reguläres Tor gegen Paraguay aberkannt. Dass auch Ägypten harte Entscheidungen traf, fügt sich in dieses Bild ein, statt es zu widerlegen. Gleichzeitig gibt es einen Punkt, der Ägyptens Unbehagen nährt: In der Gruppenphase entging Messi gegen Algerien nach Ansicht von Davies zu Unrecht einer Roten Karte, ein Argument für alle, die eine Vorzugsbehandlung von Stars vermuten.
Argentinien zählt bei den Wettanbietern weiterhin zu den Titelfavoriten, trotz des Beinahe-Ausscheidens gegen Ägypten.

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