- Kurssturz nach Doppel-Angriff
Zwei Leerverkäufer-Firmen – Muddy Waters und Callisto Research – veröffentlichten am 22. April 2026 gleichzeitig Berichte, die Sportradar vorwerfen, wissentlich mit illegalen Glücksspiel-Betreibern zusammenzuarbeiten. Die Aktie verlor an einem einzigen Tag über 22 Prozent ihres Wertes. - Schwere Vorwürfe: Zwischen 20 und 40 Prozent Schwarzmarkt-Erlöse
Muddy Waters schätzt, dass bis zu zwei Fünftel des Konzernumsatzes von unlizenztierten Anbietern stammen. Das wäre ein Skandal für ein Unternehmen, das sich selbst als Integritätshüter des Sports positioniert. - CEO weist alles zurück
Carsten Koerl bezeichnete die Vorwürfe im Q1-Earnings-Call als „haltlos“ und sprach von einem koordinierten Versuch, den Aktienkurs zu manipulieren, zum Schaden langfristig orientierter Investoren. - Quartalszahlen verfehlen Erwartungen
Trotz elf Prozent Umsatzwachstum auf 406 Millionen US-Dollar meldete Sportradar für Q1 2026 einen Nettoverlust von 7 Millionen Dollar. Im Vorjahreszeitraum stand noch ein Plus von 28 Millionen Dollar. - Aktienrückkauf als Vertrauenssignal
Sportradar kündigte ein neues Rückkaufprogramm über 250 Millionen Dollar an und brachte damit das Gesamtvolumen auf eine Milliarde Dollar. Ein klares Signal, dass das Management den aktuellen Kurs für deutlich zu niedrig hält. - Regulatoren schalten sich ein
Laut Callisto Research haben drei nordamerikanische Glücksspiel-Behörden bereits Prüfungen der vorgeworfenen Sachverhalte eingeleitet. Parallel dazu untersuchen Anwaltskanzleien mögliche Wertpapierbetrugs-Ansprüche gegen das Unternehmen.
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00:00 / 00:00Der Angriff der Leerverkäufer und wie er Sportradar erschütterte
Sportradar galt jahrelang als Paradebeispiel für verantwortungsvollen Umgang mit Sportdaten. Das Unternehmen überwacht im Auftrag von NBA, MLB, NHL, PGA Tour und FIFA Wettmärkte auf verdächtige Aktivitäten; das selbsternannte „FBI des Glücksspiels“. Doch dieser Ruf geriet am 22. April 2026 massiv unter Beschuss. Innerhalb weniger Stunden veröffentlichten zwei Leerverkäufer-Firmen nahezu gleichzeitig Berichte, die das Geschäftsmodell des Konzerns in ein völlig anderes Licht rücken.
Muddy Waters, bekannt für aufwendige verdeckte Recherchen, behauptete, eigene Ermittler hätten sich auf der Messe ICE Barcelona als Betreiber eines fiktiven Buchmachers ausgegeben und seien daraufhin von Sportradar-Vertriebsmitarbeitern angeblich mit illegalen Glücksspieloperatoren in China in Kontakt gebracht worden. Das Ziel: die Erschließung von Märkten wie Vietnam, Thailand, Indonesien und China, wo Online-Glücksspiel verboten ist. Callisto Research wiederum wertete Hunderte von Glücksspielplattformen aus und identifizierte nach eigenen Angaben über 270 unlizenzierte Betreiber, auf deren Seiten Sportradar-Produkte oder Branding sichtbar seien.
Die Marktreaktion war unmittelbar und heftig. Die Aktie brach an einem einzigen Handelstag um 22,6 Prozent ein, von 16,84 auf 13,04 Dollar. Gemessen am Allzeithoch von über 31 Dollar hat das Papier damit mittlerweile mehr als die Hälfte seines Wertes verloren. Besonders brisant: Sportradar hatte erst Monate zuvor seinen Status als Integritätspartner der FIFA bis 2031 verlängert und gilt als unverzichtbarer Datenzulieferer in beinahe jedem regulierten Markt weltweit.

Zahlen, die nicht lügen, aber auch nicht beruhigen
Die vorgezogene Präsentation der Quartalszahlen sollte eigentlich Stärke demonstrieren. Sportradar brachte seinen Earnings Call bewusst vor, um den Vorwürfen mit konkreten Geschäftsdaten entgegenzutreten. Doch was das Unternehmen lieferte, war ambivalent. Auf der Habenseite: Konzernumsatz von 406 Millionen US-Dollar, elf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Bereich Betting & Gaming Content wuchs sogar um 20 Prozent auf 232 Millionen Euro – maßgeblich dank der IMG-Arena-Akquisition, die Sportradar Zugang zu Tennis- und Golf-Datenrechten verschaffte. Ein neues 250-Millionen-Dollar-Rückkaufprogramm sowie die Berufung von Sameer Deen als Chief Operating Officer – zuvor bei Glücksspiel-Schwergewicht Entain – sendeten durchaus konstruktive Signale.
Auf der Sollseite: ein Nettoverlust von 7 Millionen Dollar, nachdem im gleichen Quartal des Vorjahres noch 28 Millionen Dollar Gewinn verbucht wurden. Alle drei Kernkennzahlen – Umsatz, bereinigtes EBITDA und Ergebnis je Aktie – verfehlten die Analystenprognosen. Das EPS von minus 0,02 Euro stand gegen eine Konsenserwartung von plus 0,05 Euro – eine Verfehlung von 140 Prozent. Analysten von Stifel, Jefferies und anderen Häusern nutzten die anschließende Fragerunde, um vor allem eines zu klären: Was passiert mit dem Wachstum, wenn eine regulatorische Säuberungswelle tatsächlich erzwungen wird? Koerl antwortete, das organische Wachstum des Unternehmens stütze sich auf lizenzierte Märkte in den USA und Europa, nicht auf jene Schattenzonen, die in den Berichten thematisiert wurden.
600.000 Spiele für die FIFA
Seit 2017 ist das Unternehmen offizieller Integritätspartner des Weltfußballverbands. Der Vertrag läuft nun bis 2031 – und deckt zwei Männer- sowie zwei Frauen-Weltmeisterschaften ab.
Illegale Betreiber sollen ein Drittel des Umsatzes ausmachen
Bei einem Gesamtumsatz von 1,2 Milliarden Euro im vergangenen Jahr entspräche das bis zu 400 Millionen Euro aus nicht lizenzierten Quellen – eine Zahl, die das Geschäftsmodell fundamental in Frage stellen würde.
Zwischen Iran, Russland und Curaçao – wie tief reicht das Netz?
Callisto Research beschränkt sich in seinem Bericht nicht auf abstrakte Schätzungen. Das Unternehmen benennt konkrete Fälle. Darunter persischsprachige Wettplattformen wie Berrybet und Betfido, auf denen Betradar-Produkte sichtbar sein sollen – mitsamt Zahlungsoptionen über iranische Anbieter und einem iranischen Krypto-Marktplatz, der in einer US-Senatsanhörung mit den Iranischen Revolutionsgarden in Verbindung gebracht wurde.
Für ein Nasdaq-gelistetes Unternehmen, das US-Sanktionen unterliegt, wäre eine solche Verbindung juristisch brisant. Sportradar verweist auf seinen eigenen Verhaltenskodex, der bei jedem Hinweis auf eine Iran-Verbindung eine Aussetzung der Geschäftsbeziehung vorschreibt. Ähnliches gilt für Russland: Nach dem Einmarsch in die Ukraine 2022 verkündete das Unternehmen den Stopp aller Neuinvestitionen und Kundenbeziehungen im russischen Markt. Callisto behauptet jedoch, mehrere russische Plattformen seien seither neu gestartet worden und würden Produkte von Sportradar-Tochter Nsoft nutzen.
Kritisch wird auch ein Muster bewertet, das Callisto in Bezug auf die Santeda International-Gruppe aufgedeckt haben will, einem Unternehmen, das nach Medienberichten hinter einer Reihe illegaler Online-Casinos in Großbritannien steckt. Auf diesen Seiten seien laut Callisto Betradar-Elemente erkennbar. Die britische Glücksspielbehörde UKGC sowie mindestens zwei weitere nordamerikanische Regulierungsstellen haben nach Angaben der Forscher bereits Untersuchungen eingeleitet.
CEO Koerl: Zwischen Angriff und Verteidigung
Carsten Koerl trat beim Earnings Call nicht als sachlicher Krisenmanager auf, sondern kämpfte. Der Schweizer Manager, der Sportradar 2001 mitgründete, wertete die Berichte als persönlichen Angriff und ließ kaum Zweifel daran, wie er die Situation einschätzt: als Kampf um den Aktienkurs, nicht um die Wahrheit. Seine zentralen Argumente: Sportradar unterhalte eines der robustesten Compliance-Systeme in einer der komplexesten regulierten Branchen weltweit. Alle Kunden würden einem Know-Your-Customer-Prozess unterzogen, globale Sanktionslisten kontinuierlich abgeglichen. Zudem seien die in den Berichten aufgeworfenen Vorwürfe weitgehend alte, längst widerlegte Behauptungen, die nun neu verpackt worden seien, um Panik zu erzeugen.
Gleichwohl räumten Vertreter von Callisto Research ein, dass Sportradars Antworten bisher keine befriedigenden Erklärungen zu den Geschäftsbeziehungen in sogenannten „Grauzonen“ geliefert hätten. Der Konflikt zwischen Unternehmensdarstellung und den Vorwürfen der Leerverkäufer bleibt unaufgelöst. Und während Koerl seinen Auftritt souverän gestaltete, weiß der Markt: Worte beruhigen, Regularien entscheiden.

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