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Casino Secrets: Hack legt die Hintermänner der Curaçao-Casinos offen

  • Neun Monate im System der Aufsicht
    Die Berliner IT-Sicherheitsforscherin Lilith Wittmann hat sich nach eigener Darstellung rund neun Monate lang Zugang zum Lizenzportal der Curaçao Gaming Authority (CGA) verschafft. Die Behörde räumte den unbefugten Zugriff am 17. September ein.
  • Über 40.000 Dokumente frei durchsuchbar
    Seit dem 23. September steht ein Teil der Daten öffentlich im Netz, darunter Eigentümerangaben, Geschäftspläne und interne Prüfvermerke. Nach einer Domain-Sperre zog das Archiv binnen Stunden auf eine neue Adresse um.
  • Rund 800 Eigentümer identifiziert
    Follow the Money und weitere europäische Medien ordneten knapp 650 lizenzierten Glücksspielfirmen etwa 800 wirtschaftlich Berechtigte zu. Zusammen betreiben diese Firmen Tausende Glücksspielseiten.
  • Lizenzen trotz roter Flaggen
    Die Akten belegen, dass CGA-Prüfer Zweifel an Eigentümerstrukturen notierten und die Lizenz am Ende trotzdem erteilten. Die prominentesten Fälle betreffen Stake und 1xBet.
  • Platincasino im deutschen Fokus
    Wittmann beziffert mögliche entgangene deutsche Glücksspielsteuern rund um Platincasino auf etwa 250 Millionen Euro für die Jahre 2023 bis 2025. Dabei handelt es sich um ihre eigene Hochrechnung, nicht um eine behördliche Forderung.
  • Betroffene wehren sich
    Softswiss spricht von falsch gedeuteten Informationen, Upgaming sieht sich als Ziel einer Kampagne. Auch der Anwalt des Unternehmers Thomas Kalman hält die Vorwürfe gegen seinen Mandanten für haltlos.
  • Etappensieg vor Gericht
    Parallel setzte sich Wittmann nach eigenen Angaben vor dem Landgericht Berlin II im Streit mit der Malta Gaming Authority durch. Sie darf demnach Dokumente aus Malta verwenden, deren Systeme aber nicht erneut betreten.
Redakteur Simon
Redakteur
Redakteur Enrico
Geprüft durch
  • Enrico Kierakow
Veröffentlicht

28.09.2026

Aktualisiert

28.09.2026

Wie eine erfundene Stiftung die Türen der Aufsicht öffnete

Der Einstieg gelang mit verblüffend simplen Mitteln. Im Dezember registrierte sich Wittmann auf dem Lizenzportal der CGA, und zwar unter dem Namen eines Managers eines niederländischen Treuhandbüros, den die Behörde bereits kannte. Als Kontakt diente ihr privates Gmail-Konto, als Antragstellerin eine frei erfundene „DreamCatcher Private Foundation“. Wenige Tage später war der Zugang freigeschaltet. Danach installierte sie laut Follow the Money eine Software, mit der sie das Lizenzsystem unter ihre Kontrolle brachte und die gespeicherten Unterlagen abzog.

Ohne dass die Mitarbeiter es wussten, konnte ich sehen, wem illegale Online-Casinos gehören.

Publik machte die 30-Jährige den Coup am 22. September. Gemeinsam mit Mitstreitern habe sie der Aufsicht monatelang über die Schulter geschaut, ohne dass dort jemand Verdacht schöpfte. Hinter der Auswertung steht ein Rechercheverbund aus Follow the Money, NDR, NRK und SVT, ergänzt um Partner in Österreich und einen Korrespondenten auf Curaçao. Insgesamt sollen knapp zwei Terabyte Daten aus den Systemen der Aufsichtsbehörden in Curaçao und Malta gesichert worden sein. Die Gruppe beruft sich auf ein überragendes öffentliches Interesse und betont, alle anderen journalistischen Wege zuvor ausgeschöpft zu haben.

Die CGA hatte den Vorfall bereits fünf Tage vor Wittmanns Bekenntnis gemeldet, allerdings ohne Details. Die Lücke sei inzwischen geschlossen und die Quelle bekannt, die forensische Aufarbeitung dauere jedoch an. Wie groß der Schaden tatsächlich ist, konnte die Behörde bislang nicht sagen. Konkrete Presseanfragen blockt sie mit Verweis auf das laufende Verfahren derzeit ab und verspricht weitere Informationen. Für eine Aufsicht, die ihren Ruf gerade mühsam aufpolieren will, kommt der Leak zur Unzeit.

Offizielle Eigentümer, inoffizielle Geldflüsse

Der prominenteste Fall führt zur Plattform Stake. Auf dem Papier gehört die Curaçao-Gesellschaft Medium Rare NV dem Serben Mladen Vučković, der der Behörde 2024 ein Vermögen jenseits der Milliardengrenze meldete. Die Gründer Ed Craven und Bijan Tehrani, in der Branche die Gesichter des Krypto-Glücksspiels, tauchen im Antrag nirgends auf. Ausgerechnet die CGA-Prüfer entdeckten jedoch Darlehen und Zahlungen in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe, die von Medium Rare an Firmen und Personen aus dem Umfeld der beiden flossen. Die Lizenz wurde dennoch ausgestellt.

Bei 1xBet wiederholt sich das Muster. Als Eigentümer und Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Caecus NV firmiert der Ukrainer Ihor Hniedash, dessen Jahreseinkommen die Unterlagen mit knapp zehn Millionen Euro angeben. Öffentlich gelten dagegen der 2023 verstorbene Sergey Karshkov sowie Roman Semiokhin und Dmitry Kazorin als Köpfe hinter der Marke. Die Prüfer vermuteten mehr als einen Eigentümer und wollten wissen, in welchem Verhältnis Hniedash zu dem russischen Trio steht. Eine Antwort kam nicht, die Lizenz 2024 schon.

Die Liste reicht weit über die beiden Branchenriesen hinaus. Hinter der in Brasilien populären Plattform Blaze steht die Prolific Trade NV, deren niederländischer Mitinhaber Nick van Gorsel 800 Millionen Euro Vermögen deklarierte, sein US-amerikanischer Partner weitere 500 Millionen. In anderen Prüfberichten bemängelten Auditoren, dass ein Betreiber 350 Casino-Domains ohne Vorwarnung an die Spieler umzog, und kritisierten die Nutzung von AskGamblers als Schlichtungsstelle wegen geschäftlicher Verflechtungen. Konsequenzen blieben aus. Die CGA verweist auf die Übergangsphase seit dem neuen Glücksspielgesetz von 2024, in der Lizenznehmer schrittweise nachbessern dürfen, statt sofort ihre Zulassung zu verlieren.

Deutschland: Platincasino, Softswiss und die Steuerfrage

Für den hiesigen Markt ist zunächst eines wichtig: Ein Siegel aus Curaçao erlaubt keinen Glücksspielbetrieb in Deutschland. Dafür braucht es eine Erlaubnis der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL), einsehbar auf deren amtlicher Whitelist. Im Zentrum der deutschen Recherche steht Platincasino, das Wittmann als größtes illegales Casino der Republik bezeichnet. Den Unterlagen zufolge gingen Marke, Domains und Spielerdaten 2023 von einer maltesischen Firma an die Latiform B.V. auf Curaçao über. Wittmann sieht dabei Verbindungen zwischen dem neuen Betrieb und dem bisherigen geschäftlichen Umfeld.

Ein zweiter Strang zielt auf den Softwareanbieter Softswiss. Wittmann verweist auf Finanzierungen, gemeinsames Personal und Geschäftsbeziehungen zu Firmen, die Hunderte nicht lizenzierte Casinos betreiben sollen. Neu ist der Verdacht nicht: Der Bayerische Rundfunk hatte bereits 2024 über mögliche Verbindungen zu Angeboten ohne deutsche Erlaubnis berichtet. Softswiss kontert, die Informationen seien aus dem Zusammenhang gerissen und falsch interpretiert worden. Das Unternehmen lässt die Veröffentlichungen nach eigenen Angaben juristisch prüfen.

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