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„Das Ende des brasilianischen Fußballs“: Klubs stemmen sich gegen Lulas Wettpläne

  • Schulterschluss gegen Brasilien
    Brasiliens Topklubs und mehrere Landesverbände haben am Abend des 17. September ein gemeinsames Manifest mit dem Titel „O fim do futebol brasileiro“ veröffentlicht. Von Flamengo über Palmeiras bis Grêmio verbreiteten die Vereine den Text abgestimmt auf ihren Social-Media-Kanälen.
  • Eilverordnung in Vorbereitung
    Die Regierung Lula erwägt eine Medida Provisória, die Online-Casinospiele verbieten und Sportwetten einschränken könnte. Zwei von Reuters zitierte Quellen erwarten Ausnahmen für Sportwetten und Sponsoring, doch Casinospiele liefern rund 75 Prozent der Anbieterumsätze.
  • Milliardengeschäft auf dem Trikot
    13 der 20 Klubs der Série A tragen einen Wettanbieter als Hauptsponsor. Zusammen sind diese Verträge geschätzt rund eine Milliarde Real im Jahr wert.
  • Warnung vor der Schattenwirtschaft
    Ein Verbot beende das Wetten nicht, sondern treibe Spieler zu illegalen Anbietern ohne Steuerpflicht und Spielerschutz, argumentieren die Unterzeichner. Vielen Vereinen drohe zudem die Insolvenz.
  • Ärger auch im Rathaus
    In São Paulo will ein Gesetzentwurf Wettwerbung bei Veranstaltungen im Stadtgebiet verbieten. Der FC São Paulo, Palmeiras und Corinthians nehmen über ihre Wettpartner zusammen rund 350 Millionen Real pro Jahr ein.
  • Fans gehen auf Distanz
    Unter den Posts der Klubs häuften sich kritische Kommentare. Viele Anhänger wünschen sich Fußball ohne Wettwerbung und stellen die finanzielle Abhängigkeit ihrer Vereine infrage.
  • Europa zieht die Zügel an
    Italien verbietet Glücksspielwerbung seit 2018, Spanien hat Wettsponsoring auf Trikots seit 2021/22 stark beschränkt. In der Premier League sind Glücksspiel-Logos seit dieser Saison von der Trikotbrust verschwunden.
Redakteur Simon
Redakteur
Redakteur Enrico
Geprüft durch
  • Enrico Kierakow
Veröffentlicht

21.09.2026

Aktualisiert

21.09.2026

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Alarmstufe Rot: Klubs und Verbände schließen die Reihen

Am Donnerstagabend, dem 17. September, erlebte der brasilianische Fußball eine seltene Szene der Geschlossenheit. Nahezu zeitgleich veröffentlichten zahlreiche Traditionsvereine auf ihren Social-Media-Kanälen denselben Text, ein Manifest mit dem düsteren Titel „O fim do futebol brasileiro“, zu Deutsch: „Das Ende des brasilianischen Fußballs“. Aus São Paulo beteiligten sich Palmeiras, Corinthians, Santos und der FC São Paulo, aus Rio de Janeiro Botafogo, Vasco da Gama, Fluminense und Flamengo. Dazu gesellten sich unter anderem Cruzeiro, Atlético Mineiro, América Mineiro, Grêmio und Chapecoense. Auch die Staatsmeisterschaft Paulistão stellte sich öffentlich hinter den Aufruf.

Auslöser der Mobilmachung ist ein Plan, der derzeit im Land kursiert. Die Regierung von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva erwägt eine Medida Provisória, also eine Eilverordnung mit sofortiger Gesetzeskraft, um Online-Casinospiele zu verbieten und Sportwetten enger zu reglementieren. Reuters beruft sich auf vier mit den Beratungen vertraute Personen und berichtet, die Vorbereitungen liefen bereits. Sportwetten und Sponsoringverträge sollen vom Verbot ausgenommen bleiben. Entwarnung ist das für die Klubs scheinbar nicht: Die lizenzierten Anbieter erwirtschaften rund 75 Prozent ihrer Umsätze mit Casinospielen, und aus diesen Erlösen speist sich ein Großteil der Sponsoringbudgets.

Wird der regulierte Markt abgeschafft, hören die Wetten nicht auf. Es endet der Fußball.

Die Fäden zogen der Landesverband von São Paulo (FPF) und sein Gegenstück aus Rio de Janeiro (FERJ). Später kamen Verbände und Vereine aus Minas Gerais, Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Bahia und Alagoas hinzu. Die Botschaft entstand bei einem Treffen in Rio, an dem neben Flamengo-Präsident Luiz Eduardo Baptista und Fluminense-Präsident Mattheus Montenegro auch Vertreter lizenzierter Wettanbieter teilnahmen. Die Branche, um deren Geld es geht, saß bei der Entstehung des Textes also mit am Tisch.

Kontrolle statt Kahlschlag: So argumentieren die Klubs

Bemerkenswert ist, dass das Manifest nicht mit Abwehr beginnt, sondern mit einem Eingeständnis. Die Unterzeichner räumen offen ein, dass der boomende Wettmarkt soziale Schäden anrichtet, insbesondere bei finanziell schwächeren Menschen. Staat, Anbieter und Sport seien gleichermaßen gefordert, Aufklärung, Prävention und Kontrolle auszubauen. Eine Debatte über schärfere Regeln weisen die Klubs also keineswegs zurück. Ihr Widerstand gilt einem abrupten Kurswechsel per Verordnung.

Kern der Argumentation ist die sogenannte Kanalisierung, also die Frage, wie viele Spieler bei legalen, kontrollierten Anbietern bleiben. Gewettet wurde in Brasilien schon lange vor der Regulierung, damals flossen Milliardenbeträge an jeder staatlichen Kontrolle vorbei. Seit Januar 2025 existiert ein lizenzierter Markt, in dem Anbieter Spielmanipulation und Geldwäsche bekämpfen, Minderjährige aussperren und Steuern abführen müssen. Nach Lesart der Klubs habe diese Aufsicht sogar dazu geführt, dass Brasilien die weltweite Rangliste der Manipulationsfälle nicht mehr anführt.

Zweite Front im Rathaus von São Paulo

Während in Brasilien über eine Verordnung spekuliert wird, braut sich für die Klubs aus São Paulo parallel im eigenen Rathaus Ärger zusammen. Der Gesetzentwurf 560/2025 des Stadtrats João Jorge (MDB) würde Werbung von Wettanbietern bei sämtlichen Veranstaltungen im Stadtgebiet untersagen, unabhängig davon, ob öffentliche oder private, kommerzielle oder gemeinnützige Organisatoren dahinterstehen. Verboten wären Werbetafeln, Banner und Schilder in Stadien, Arenen und Sporthallen, aber auch Reklame an Heck und Seiten der Stadtbusse. Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 50.000 Real und ein Veranstaltungsverbot von bis zu zwei Jahren. Trikotwerbung erfasst der Entwurf bislang nicht, einzelne Ratsmitglieder wollen sie allerdings nachträglich aufnehmen.

Wie ernst die Lage ist, zeigte ein Krisengipfel am 11. September in der Zentrale der FPF. 40 Fachleute aus den Marketing-, Kommunikations- und Rechtsabteilungen von Santos, dem FC São Paulo, Palmeiras, Corinthians und Juventus aus dem Stadtteil Mooca berieten dort gemeinsam mit Managern der Wettbranche. Auf dem Spiel stehen beträchtliche Summen: Der FC São Paulo, Palmeiras und Corinthians kassieren von ihren Wettpartnern laut Globo Esporte zusammen rund 350 Millionen Real im Jahr. Im Extremfall, so die Befürchtung, müssten die Klubs Heimspiele außerhalb der Stadtgrenzen austragen, um ihre Werbeverträge zu erfüllen. Ob Aufklärungskampagnen, gemeinsame Aktionen oder Gespräche mit der Lokalpolitik: Auf eine Strategie haben sich die Beteiligten noch nicht festgelegt.

Gegenwind von den Rängen und ein Blick nach Europa

Ausgerechnet bei den eigenen Anhängern stößt der Vorstoß auf wenig Gegenliebe. Unter den Instagram-Posts der Vereine häuften sich kritische bis empörte Kommentare. Etliche Fans erklärten, sie nähmen lieber weniger Geld in Kauf, wenn dafür die Wettwerbung verschwinde. Andere hielten die Idee eines verantwortungsvollen Wettmarkts schlicht für eine Illusion. Ein Nutzer drehte das Argument der Klubs um: Ein Fußball, der nur dank der Wettverluste seiner Anhänger überlebe, habe ein Geschäftsmodellproblem und kein Sponsorenproblem.

Differenzierter fällt das Echo in den Medien aus. Die prominenten UOL-Kolumnisten Juca Kfouri und Paulo Vinícius Coelho halten ein Verbot ebenfalls für den falschen Weg, verlangen aber deutlich strengere Auflagen. Coelho plädiert für feste Übergangsfristen statt eines Schnellschusses. Auffällig still bleibt bislang der nationale Verband CBF, der sich nicht gegen ein mögliches Verbot gestellt hat. Politisch fällt die Debatte in die Schlussphase des Wahlkampfs vor der Präsidentschaftswahl Anfang Oktober, und BNLData ordnet die Restriktionspläne als Baustein von Lulas Strategie für den Schlussspurt ein.

Wer nach Europa schaut, sieht eine gegenläufige Entwicklung. Italien hat Werbung und Sponsoring durch Glücksspielanbieter bereits 2018 weitgehend untersagt. Spanien folgte zur Saison 2021/22 mit strengen Beschränkungen, die auch Trikotsponsoren betreffen. Seit Beginn der laufenden Saison 2026/27 verzichten zudem die Premier-League-Klubs auf Glücksspiel-Logos auf der Vorderseite ihrer Spieltrikots, andere Partnerschaften bleiben dort allerdings erlaubt. Ob Brasilien diesem Beispiel folgt oder am lizenzierten Modell festhält, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden.

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