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Rekordmonat für Prognosemärkte

  • Prognosemärkte knacken die 50-Milliarden-Marke
    Im Juni 2026 setzten die Handelsplattformen erstmals mehr als 50 Milliarden Dollar in einem einzigen Monat um. Hochgerechnet arbeitet die Branche damit auf einem Niveau von über 500 Milliarden Dollar pro Jahr.
  • Kalshi baut seine Vormachtstellung aus
    Mit rund 33 Milliarden Dollar Handelsvolumen entfielen 65 Prozent des Marktes auf Kalshi. Im Mai lag der Anteil noch bei geschätzten 57 Prozent.
  • Die WM als Umsatzmotor
    Die Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA trieb die Rekordzahlen an. Sport hat sich damit als wichtigstes Einsatzfeld der Prognosemärkte etabliert und macht rund die Hälfte aller Aktivitäten aus.
  • 150 Millionen für den Titel, 20 Millionen für Kalshi
    ADI Predictstreet soll rund 150 Millionen Dollar für den FIFA-Sponsorenstatus gezahlt haben. Kalshi sicherte sich das Co-Branding mitten im Turnier zum Schnäppchenpreis von etwa 20 Millionen Dollar.
  • ADI Predictstreets Handelszahlen ernüchtern
    Trotz weltweiter Sichtbarkeit blieben die Umsätze auf der Plattform mager. Auf einem WM-Viertelfinale kamen keine 425.000 Dollar zusammen, während dasselbe Marktsegment bei Kalshi über 17 Millionen Dollar erreichte.
  • Neue Wettbewerber drängen in den Markt
    DraftKings startete mit DKeX eine eigene Prognosebörse, das Robinhood-nahe Rothera eroberte binnen Wochen Marktanteile. Auch Meta soll an einer eigenen App arbeiten.
  • Die Politik bleibt der Unsicherheitsfaktor
    Die CFTC unter der Trump-Regierung hat einen Regelrahmen vorgeschlagen, der Sportkontrakte weitgehend schützt. Ein künftiger demokratischer Kurswechsel könnte die Branche dagegen empfindlich treffen.
Redakteur Simon
Redakteur
Redakteur Enrico
Geprüft durch
  • Enrico Kierakow
Veröffentlicht

13.07.2026

Aktualisiert

13.07.2026

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Über 50 Milliarden Dollar: Ein Markt in Feierlaune

Die Prognosemärkte haben im Juni eine Schallmauer durchbrochen. Nach Berechnungen der Analysten von Macquarie Equity Research flossen mehr als 50 Milliarden Dollar durch die Handelsplattformen – so viel wie nie zuvor in einem einzelnen Monat. Rechnet man diesen Wert auf ein ganzes Jahr hoch, ergibt sich ein Volumen jenseits der 500-Milliarden-Marke. Der Sektor, der noch vor wenigen Jahren als Nische galt, spielt damit endgültig in einer anderen Liga. Chad Beynon, Leiter US-Research bei Macquarie Capital äußerte sich erst kürzlich über den Markt:

Die Partnerschaft sagt mehr über ADIs Bedarf an Liquidität aus als über Kalshis Bedarf an Marketing.

An der Spitze thront unangefochten Kalshi. Rund 33 Milliarden Dollar entfielen im Juni auf die Plattform, was einem Marktanteil von 65 Prozent entspricht. Bemerkenswert ist die Dynamik: Noch im Mai hatte Kalshi geschätzte 57 Prozent des Handels auf sich vereint. Innerhalb eines einzigen Monats zog der Marktführer den Konkurrenten also weiter davon. Während der Weltmeisterschaft kletterte die Kalshi-App zeitweise auf Rang vier der meistgeladenen Anwendungen im Apple App Store.

Der Grund für den Ansturm liegt auf der Hand: Sport – allen voran Fußball Wetten – ist zum Herzstück der Branche geworden. Nach Einschätzung von Macquarie entfällt inzwischen etwa die Hälfte aller Aktivitäten auf sportbezogene Kontrakte. Was einst mit Wetten auf Wahlausgänge und Wirtschaftsdaten begann, funktioniert heute ähnlich wie klassische Wettbörsen – nur dass hier Fußballergebnisse den Takt vorgeben. Die Verschmelzung von klassischer Sportwette und Finanzkontrakt schreitet damit rasant voran.

Der WM-Effekt: Wie ein Turnier die Branche befeuert

Kein Ereignis prägte den Juni so stark wie die Fußball-WM. Schon vor Turnierbeginn hatten die Macquarie-Analysten prognostiziert, dass die Weltmeisterschaft 2026 weltweit mehr als 50 Milliarden Dollar an Wetteinsätzen mobilisieren und damit zum größten Wettereignis der Geschichte avancieren würde – wohlgemerkt noch ohne die Umsätze der Prognosemärkte einzurechnen. Die Realität übertraf offenbar selbst diese Erwartungen.

Interessant ist die geografische Verteilung: Nur ein Bruchteil der WM-Einsätze stammt Macquarie zufolge aus den USA, geschätzt etwa fünf Prozent. Der Löwenanteil des Handels verteilt sich also über den Rest der Welt. Für die Betreiber bedeutet das eine internationale Bühne, auf der sich ein globales Publikum an den Prognosekontrakten beteiligt. Die Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den Vereinigten Staaten wurde so zum Katalysator eines weltweiten Trading-Booms.

Die Zahlen einzelner Märkte sprechen eine deutliche Sprache. Auf die Titelfrage der WM – im klassischen Wettgeschäft eine typische Langzeitwette – kamen bei Kalshi rund eine Milliarde Dollar zusammen; auf der internationalen Plattform von Polymarket waren es sogar etwa vier Milliarden. Solche Summen verdeutlichen, wie tief die Prognosemärkte mittlerweile in die Fußballkultur eingedrungen sind. Für die etablierten Anbieter war das Turnier ein Beschleuniger, der Millionen neuer Nutzer an die Handelsoberflächen lockte.

20 gegen 150 Millionen: Das ungleiche Duell um die WM-Rechte

Im Zentrum der WM-Erzählung steht eine kuriose Partnerschaft. ADI Predictstreet, in Gibraltar lizenziert und offizieller Prognosemarkt-Partner der FIFA, soll rund 150 Millionen Dollar auf den Tisch gelegt haben, um sich den Status als Top-Sponsor des Turniers zu sichern. Kalshi hingegen stieg erst zwei Wochen nach dem Anpfiff ein und zahlte für sein Co-Branding einem Bericht zufolge lediglich etwa 20 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Übliche FIFA-Partnerschaften bewegen sich je nach Kategorie zwischen 65 und 100 Millionen Dollar pro Jahr. Kalshi hatte ein ursprünglich mit 150 Millionen Dollar beziffertes Paket zunächst abgelehnt und griff später zum Bruchteil des Preises zu.

Um die Zusammenarbeit ranken sich Missverständnisse. Die New York Times und Bloomberg hatten den Eindruck erweckt, Kalshi speise sein Handelsvolumen direkt in die Plattform von ADI ein oder betreibe für den Partner Market-Making. Kalshi widerspricht dieser Lesart entschieden. Nach Angaben des Unternehmens stellt es weder Liquidität bereit noch investiert es in die hauseigene Blockchain ADI Chain. Kalshis Kommunikationschefin Elisabeth Diana stellte klar, dass ADI die Kalshi-Märkte allenfalls künftig für sein Volumen nutzen könnte, vergleichbar mit dem Verhältnis zwischen Coinbase und Robinhood. Ein Weiterleiten von Aufträgen findet demnach aktuell nicht statt, und Market-Making ist ohnehin etwas völlig anderes.

Was bleibt, ist ein werblicher Kern. Wer aus den USA die Seite von ADI Predictstreet ansteuert, wird höflich darauf hingewiesen, dass der Dienst dort nicht verfügbar sei und gleich zur Partnerplattform Kalshi weitergeleitet. Für Macquarie-Analyst Chad Beynon ist die Sache klar: ADI habe sich mit den FIFA-Rechten ein wertvolles Gut gesichert, es aber an Nutzern und Liquidität fehlen lassen, um daraus Kapital zu schlagen. Kalshi habe das umgekehrte Problem gehabt, reichlich Handel und Schwung, aber keinen direkten Draht zur FIFA. Kurzfristig, so Beynon, sei Kalshi der eindeutige Gewinner dieser Verbindung.

Prestige ohne Publikum: ADIs magere Handelszahlen

So groß der Marketingcoup, so ernüchternd das Geschäft. Auf dem WM-Viertelfinale zwischen den USA und Belgien registrierte ADI Predictstreet gerade einmal rund 422.000 Dollar an Handelsvolumen. Auf demselben Markt kamen bei Kalshi über 17 Millionen Dollar zusammen, ein Verhältnis von mehr als 40 zu eins. Rund um die Partie hatte die umstrittene Rücknahme einer Roten Karte gegen US-Nationalspieler Folarin Balogun für zusätzliche Aufmerksamkeit gesorgt; sportlich endete das Spiel mit einer 1:4-Niederlage der Gastgeber. Doch selbst diese Brisanz zog kaum Handel auf ADIs Plattform.

Ein Blick auf weitere Märkte verstärkt den Eindruck. Auf die Titelfrage der WM entfielen bei ADI Anfang Juli kumuliert weniger als 100.000 Dollar, während Kalshi hier Hunderte Millionen und Polymarket Milliarden verbuchte. Einzelne Begegnungen brachten es auf lächerliche Beträge im niedrigen zweistelligen Dollarbereich. Auch der Datenanbieter Gambling Insider zählte in den ersten 18 Betriebstagen lediglich etwa 126.000 Trades, ein bescheidener Wert für einen Partner, der eine der prominentesten Bühnen des Weltsports bespielt.

Dahinter steht dennoch enorme Finanzkraft. ADI Predictstreet und die zugehörige ADI Chain gehören zur International Holding Company rund um Scheich Tahnoon bin Zayed Al Nahyan, der zugleich den mit rund einer Billion Dollar ausgestatteten Staatsfonds Abu Dhabi Investment Authority führt. Bargeld benötigt das Unternehmen also nicht, wohl aber aktive Nutzer für Prognosemarkt und Blockchain. Die eigene Kryptowährung ADI kommt auf eine Marktkapitalisierung von rund 204 Millionen Dollar bei überschaubarem Handel. Ob ADI mit dem langen Atem seiner Geldgeber aus dem WM-Prestige noch ein tragfähiges Geschäft formt, bleibt vorerst offen. Über den Fußball hinaus hat die Plattform inzwischen grünes Licht aus Gibraltar erhalten, ihr Angebot auf weitere Sportarten, Unterhaltung, Kultur, Wetter und ausgewählte politische Ereignisse auszuweiten. Zugleich hat Deutschlands Glücksspielaufsicht GGL ein förmliches Prüfverfahren gegen die WM-Werbung des unlizenzierten Anbieters eingeleitet.

Der Markt zieht immer mehr Schwergewichte an. DraftKings brachte mit DKeX eine eigene Prognosebörse an den Start. Aus Sicht von Macquarie ein Signal, dass der Sportwettenriese die Prognosemärkte längst nicht mehr nur als Abwehrreaktion auf Kalshi begreift, sondern als strategische Erweiterung seines Geschäfts. Polymarket wiederum verbündete sich mit der mexikanischen Liga MX und dem Datenspezialisten Genius Sports. Und das von Robinhood unterstützte Rothera setzte binnen weniger Wochen Milliardenbeträge im WM-Handel um und schnappte sich spürbare Marktanteile.

Der rasante Aufstieg von Rothera nährt eine These der Analysten: Vertrieb und Reichweite könnten für den langfristigen Erfolg ebenso entscheidend werden wie Preisgestaltung und Liquidität. Wer die Nutzer erreicht, gewinnt. So die Logik. In dieses Bild passt, dass mit Meta Berichten zufolge ein weiterer Gigant an einer eigenständigen Prognosemarkt-App tüftelt, zunächst allerdings mit einem Punktesystem statt echtem Geld, ein Ansatz, der stark an Gamification erinnert. Sollte der Konzern tatsächlich einsteigen, dürfte das die Massentauglichkeit der Branche weiter beschleunigen.

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