- Brüssel gibt den Takt vor
Vor dem 5. November darf der Nationalrat die Glücksspielnovelle nicht beschließen, so lange läuft die EU-Stillhaltefrist. Beraten hat der Finanzausschuss die Regierungsvorlage bis zuletzt noch nicht. - 20 Bewerber auf dem Papier
In der Wirkungsfolgenabschätzung kalkuliert das Finanzministerium mit 20 Anträgen auf eine Online-Konzession. Gegenüber MeinBezirk hat das Ressort diese Zahl Mitte Oktober bekräftigt. - Von 45 auf 75 Prozent
Zum Start im Oktober 2027 sollen 45 Prozent des Online-Spiels bei lizenzierten Anbietern stattfinden, bis 2030 drei Viertel. Langfristig peilt das Ministerium 80 Prozent an. - Die Branche rechnet kleiner
Branchenvertreter halten weniger als zehn Bewerber für realistisch, manche sogar nur fünf. Als größte Hürden nennen sie die Abgabenregeln und die Altlasten aus Spielerklagen. - Abschalten bis Silvester
Wer Österreich bisher ohne Konzession bedient, muss sein Angebot bis 31. Dezember 2026 einstellen. Sonst ist er 18 Monate lang von der Vergabe ausgeschlossen, später sogar 24 Monate. - Ab Jänner greift das Sperrwerk
Sperrregister, Netzsperren und Payment-Blocking starten mit 1. Jänner 2027. Die neuen Lizenzen gelten erst neun Monate später. - Der Staat kassiert mit
Laut Ministerium bringt die Reform 2028 rund 120 Millionen Euro mehr ein, 2030 bereits rund 170 Millionen. Die Grünen werfen der Koalition deshalb vor, aus einer Gesundheitsfrage ein Budgetprojekt zu machen.
Countdown bis 5. November: Brüssel hält den Schlüssel
Zwölf Wochen nach der Notifizierung tritt Österreichs größte Glücksspielreform seit Jahrzehnten in die entscheidende Phase. Am 4. August hat das Finanzministerium den Gesetzestext bei der EU-Kommission angemeldet. Damit begann eine dreimonatige Stillhaltefrist, die laut Kommissionsregister am 5. November endet. Erst danach darf das Parlament abstimmen. Bis dahin können die Kommission und die anderen Mitgliedstaaten Einwände erheben, und Malta hatte bereits eine Stellungnahme angekündigt. Wie es dazu kam, haben wir im August in unserer Analyse Glücksspiel-Reform: Entscheidung in Brüssel nachgezeichnet.
Im Hohen Haus liegt die Regierungsvorlage (594 d.B.) seit 5. August. Am 14. September hat der Nationalrat sie dem Finanzausschuss zugewiesen. Beraten wurde sie dort bis 20. Oktober nicht, obwohl das Parlament während der Stillhaltefrist hätte arbeiten dürfen. Zum Vergleich: In der Begutachtung waren 109 Stellungnahmen eingelangt, der Gesprächsbedarf ist also groß. Viel Zeit bleibt nicht mehr, wenn der Zeitplan der Koalition halten soll.
Denn der Kalender ist eng. Die Konzession der Österreichischen Lotterien, die über win2day auch das Online-Glücksspiel abdeckt, läuft am 30. September 2027 aus. Ab 1. Jänner 2027 sollen neue Online-Konzessionen erteilt werden können, gültig ab 1. Oktober 2027. Der Noch-Monopolist rüstet bereits auf: Erst vor wenigen Tagen hat win2day mit GAMOMAT einen weiteren Spieleentwickler an Bord geholt, wie wir in GAMOMAT erobert Österreich berichtet haben.
Wer den Fahrplan von Beginn an verfolgen will, findet unseren ersten Überblick unter Österreich beendet das Monopol.
Zehn Millionen Euro Eintritt
Wer in Österreich legal Online-Glücksspiel anbieten will, braucht mindestens zehn Millionen Euro Stammkapital. Dazu kommen ein Aufsichtsrat, ein Sitz in der EU und funktionierende Compliance gegen Geldwäsche. Kleine Anbieter sind damit praktisch aus dem Rennen.
Einmal gesperrt, überall gesperrt
Ab Jänner 2027 gibt es ein zentrales Sperrregister. Wer im Casino gesperrt ist, kommt dann auch an keinen Automaten und auf keine legale Online-Plattform mehr. Bisher ließen sich Sperren durch einen Anbieterwechsel umgehen.
Die Rechnung des Ministeriums: 20 Bewerber, 75 Prozent Kanalisierung
Wie viel sich das Finanzministerium von der Öffnung verspricht, steht schwarz auf weiß in der Wirkungsfolgenabschätzung zur Regierungsvorlage. Dort geht das Ressort von 20 Unternehmen aus, die eine Online-Konzession beantragen. Entscheidend ist aber eine andere Kennzahl: die Kanalisierungsquote, also der Anteil des Online-Spiels, der beim legalen Angebot landet. Zum Marktstart im Oktober 2027 kalkuliert das Ministerium mit 45 Prozent. Danach soll die Kurve steil nach oben zeigen: 60 Prozent 2028, 70 Prozent 2029 und 75 Prozent 2030.
Aus diesem Pfad leitet das Ministerium auch die fiskalische Rechnung ab. Für die drei Monate ab Oktober 2027 veranschlagt es netto 20,4 Millionen Euro an zusätzlichen Einnahmen. 2028 sollen es 120,5 Millionen sein, 2029 rund 155,5 Millionen, 2030 schließlich 170,6 Millionen Euro. Einen Posten streicht das Ressort dafür langfristig aus der Kalkulation: Die Abgabe, die heute von Anbietern ohne heimische Lizenz einfließt, durchschnittlich rund 40 Millionen Euro im Jahr. Ab 2030 soll sie wegfallen, weil diese Anbieter dann entweder lizenziert oder vom Markt verschwunden sind.

Das Ministerium erwartet noch einen Nebeneffekt: weniger Rückforderungsklagen. Solange das Gros der Online-Spieler bei Anbietern ohne heimische Konzession landet, haben Spielerklagen vor österreichischen Gerichten leichtes Spiel. Manche Verfahren drehen sich um siebenstellige Beträge. Mittelfristig soll die Kanalisierung sogar auf 80 Prozent steigen. Ob das gelingt, will der Gesetzgeber 2031 im Zuge einer Evaluierung prüfen, die sowohl den Spielerschutz als auch die Marktentwicklung umfasst.
Die Branche rechnet anders
Bei den Marktteilnehmern stößt die Rechnung des Ministeriums auf Skepsis. Schon beim SBC Summit in Lissabon Anfang Oktober nannte Simon Priglinger-Simader, Präsident der Österreichischen Vereinigung für Wetten und Glücksspiel (OVWG), eine deutlich niedrigere Zahl. Bleiben die Kernprobleme ungelöst, könnten es weniger als zehn Bewerber werden. Arthur Stadler von Stadler Partners rechnete auf dem Podium sogar mit höchstens fünf bis zehn Anträgen. Den Erfolg der Reform macht der OVWG-Präsident an 15 Lizenznehmern fest. Größter Stolperstein ist aus Sicht der Branche eine steuerliche Detailregel. Zahlt ein Anbieter nach einer Spielerklage Verluste zurück, soll das die Glücksspielabgabe von 45 Prozent des Bruttospielertrags nicht mindern. Entain und Evoke sprachen schon in der Begutachtung von einer Doppelbelastung. Auch der Ausschluss auf Zeit für bisher unlizenzierte Anbieter stößt auf Widerstand. Entain sieht sich zwar als künftigen Schwergewichtsspieler im Mehrlizenzsystem, ist von dieser Pause aber wenig begeistert.
Welche Einwände Anbieter, Kammern und Suchtexperten im Sommer vorgebracht haben, zeigt unser Überblick über Österreichs Glücksspielgesetz: Anbieter üben Kritik.
Was Spieler ab 2027 spüren
Für Spieler beginnt die neue Zeit nicht erst mit den Lizenzen, sondern schon mit dem Jahreswechsel. Ab 1. Jänner 2027 soll ein zentrales Sperrregister starten. Wer dann im Casino gesperrt ist, ist es künftig auch am Automaten und im Netz. Darin landen freiwillige Selbstsperren ebenso wie Ausschlüsse, die Betreiber verhängen. Zeitgleich greifen Netzsperren und Payment-Blocking: Banken und Zahlungsdienstleister sollen Überweisungen an Anbieter auf einer schwarzen Liste unterbinden. Eine Stelle für Glücksspiel und Spielerschutz soll den Markt beobachten und wissenschaftlich begleiten. Den Kern des Spielerschutzes bilden anbieterübergreifende Einzahlungslimits. Bis zum vollendeten 26. Lebensjahr sind es höchstens 250 Euro pro Woche, danach maximal 1.680 Euro im Monat. Ab 23 Jahren sind Ausnahmen möglich, sofern eine vorherige Risikoprüfung keine Gefährdung ergibt. Die großzügigere Grenze bleibt allerdings auf diesen einen Anbieter beschränkt. Zusätzlich setzen sich Spieler eigene Grenzen für Budget und Spielzeit. Wer sein Limit herabsetzt, ist sofort geschützt, wer es anhebt, muss drei Tage warten.
Auch an den Geräten ändert sich einiges. Der Höchsteinsatz an Automaten sinkt auf fünf Euro pro Spiel, jede Runde dauert mindestens zwei Sekunden. Nach 90 Minuten erzwingt das System eine Pause von 15 Minuten samt Aufklärungsvideo. Für bereits bewilligte Automaten der Länder greifen manche Verschärfungen allerdings erst 2031. Sportwetten kommen in der Vorlage übrigens gar nicht vor: Sie fallen in die Kompetenz der Bundesländer.

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